Mannheim
Compact Memory

Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1888-08-01 · Heft 8 (1.8.1888) · p. Seite 179

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
8 (1888)
Issue
Heft 8 (1.8.1888)
Date
1888-08-01
Page
Seite 179 (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2969669-2969754-2969763--2335-2972514
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

179 Phantasmen preisgegeben. Vielmehr erheische dieser Gegenstand, und dieser, weil er die höchsten Angelegenheiten des Menschen angeht, in hervorragendster Weise eine streng wissenschaftliche Behandlung. Nach dieser aber sei vor Allem ohne jegliche Vertuschung oder Verdunklung der ursprüngliche, reine und gemeinverständliche Begriff der Offenbarung festzuhalten als eine von außen geschehene Enthüllung dessen über Gott und Welt, was der Menschengeist aus sich selbst niemals hätte zu erkennen vermocht. Fasse man den Offenbarungsbegriff nicht also auf, erkenne man in ihm vielmehr das, was dem menschlichen Geiste für sich allein erschwingbar gewesen, so sei seine Bedeutung sinnlos, denn sinnlos sei es dem Menschen etwas offenbaren zu wollen, was er auch sonst in sich trage. Sodann aber sei zu untersuchen, ob es irgendwo ein gewisses, unwiderlegliches Unterscheidungsmerkmal gebe, welches mich erkennen läßt, daß das, was die heiligen Bücher Israels lehren, unmöglich deni Menschengeiste entsprungen, sondern durch wirkliche Offenbarung allein uns zn Teil geworden sein kann. Sowie nämlich der normale Mensch innerhalb der sinnlich wahrnehmbaren Welt ein zweifelloses Merkmal besitzt, wodurch er erkennt, ob ein Ding ein wirkliches oder ein bloß gedachtes sei, ganz so möchte es vielleicht auch für die vermittelst der Vernunft allein erfaßbaren Dinge des Uebersinnlichen einen unfehlbaren Prüfstein geben, durch den ich zu erkennen vermag, was von jenen Dingen einer vollkommenen Realität teilhaft ist, was dagegen lediglich als Denkerzeugnis anzusehen, dem kein realer Wert zuzuerkennen sei. Daß es nun einen solchen Prüfstein thatsächlich gebe, daß wir ein klares Schibboleth besitzen, um dadurch zu unterscheiden zwischen geoffenbarter und nicht geoffenbarter Religion, zwischen wahrhaftigem Gotteswort und bloßem Heidentum, das ist es, was Steinheim darzuthun sich vorsetzt, das die große That, die er seinem Volke leisten will. Wie Rießer nach außen hin das jüdische Selbstgefühl, das Bewußtsein des Rechtes zu einer menschenwürdigen Existenz zu heben gesucht, eine ähnliche Wirkung mochte Steinheim für das religiöse Bewußtsein seiner Brüder beabsichtigt haben: eine stolzere und sicherere Vorstellung von dem unvergleichlichen Werte des eigenen Besitztums. Niemand sollte mehr zweifeln dürfen an der Echtheit dieses Besitztums, und keine Verwechselung des wahrhaftigen Goldes mit dem blendenden Flitter fortan möglich sein. Als eine exakte Wissenschaft gleich der der Physik sollte für alle Zeit die Offenbarungslehre Israels dastehen. Wie löst nun Steinheim diese große Aufgabe? Ich will versuchen, es in niöglichst kurzer Fassung darzulegen. Das erste Merkmal, wodurch sich uns der Unterschied des Wirklichen von dem bloßen Denkprodukt zu erkennen gibt, besteht darin, daß das Wirkliche den Charakter der Zufälligkeit, das durch das Denken Erzeugte den Charakter der Notwendigkeit an sich trägt. Wir erblicken z. Beinen Baum, wir erblicken ihn zufällig, d. h. wir wissen, wir haben das Gedankenbild von ihm nicht in unserem Geiste durch die natürliche Richtung seines Denkens erzeugt, sondern es ist uns von außen entgegengetreten, eben darum aber erkennen wir ihn als wirklich, denn woher sonst als aus der Wirklichkeit sollte uns die Vorstellung des Baumes gekommen sein? Dieses Bewußtsein der außer uns wesenden Wirklichkeit des Baunies könnten wir nicht haben, wenn wir wüßten, wir feien zu der Vorstellung von ihm, wie z. B. zu den Sätzen der Mathematik, notwendig gelangt durch innere Anschauung oder durch Urteile und Schlüsse, also unser Geist habe uns genötigt, den Gedanken eines Baumes aus uns heraus zu erzeugen; denn wir hätten dann kein Recht zu behaupten, dieser Gegenstand existire wirk-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.