Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 8 (1888)
- Issue
- Heft 8 (1.8.1888)
- Date
- 1888-08-01
- Page
- Seite 175 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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175 besonders zutreffender Weise von Herrn Oberrabbiner Dr. Horowitz (Crefeld) (Rahmers Magazin 1875). Nur daran sei erinnert, um wie vieles dringender diese Aufgabe an den Prediger der Berliner Gemeinde herantritt, wie viel, wie unvergleichlich von ihrer richtigen, ernsten Erfassung und Lösung abhängt. Ohne gegen den Bildungsgrad der anderen jüdischen Gemeinden Deutschlands etwas zu präjudizieren, darf man doch behaupten, daß niit kaum einer bis zwei jüdischen Ausnahmen (aber keiner einzigen christlichen!) in keinem Gotteshause sich ein so große Zahl von höher gebildeten Männern und Frauen zum Gottesdienste einfindet, wie in der Berliner „Nene» Synagoge" an den „hohen Feiertagen". Mag auch ein nicht geringer Bruchteil vielleicht mehr dein Zuge der Pietät als einem unmittelbar sich äußernden religiösem Herzensbedürfnis in die Synagoge folgen; aber der bloßen Konvenienz wegen kommt doch keiner. Gehört doch in jüdischen Kreisen der Besuch der Synagoge — Gott sei es geklagt, aber auch gedankt — nicht zum bon ton. Allen, die da kommen und das in Berlin meist nicht unerhebliche materielle Opfer nicht scheuen, mit dem der Synagogenbesuch an den hohen Feiertagen verbunden ist, — allen ist es also heiliger Ernst um den Gottesdienst und die Erbauung; alle bringen eine reine Empfänglichkeit mit für Lehre und Belehrung, für erhebende, erweckende Gedanken; und besonders ist es die in Berlin große Zahl sowohl von Männern, die durch wissenschaftliche Studien, durch höhere intellektuelle Berufsarbeit, wie von Frauen, die durch reiche Lebens¬ und Welterfahrung geistig gereift sind und deren Blick für das innere Leben geschärft ist, die an den Prediger höhere Ansprüche stellen, nach einem aus der Tiefe geschöpften, die Fragen des Lebens und der Zeit lösenden oder wenigstens aufhellenden Wort verlangen. Wenn der Prediger diesen „Besten" der Zeit auch nur genug thut, leistet er schon Bleibendes, Großes. Mit Sentimentalitäten, die vielleicht einigen Empfindsamen Thränen entlocken, ist es hier nicht gethan; mit bloßen Deutungen aus Midrasch und Talmud gleich wenig. Auch darf die Kanzel nicht als Katheder, das Gotteshaus nicht als Hörsaal aufgefaßt werden. Da gilt es einzig und allein das Prophetenwort (Sach. 10, 12) wahrzumachen: „Und ich kräftige sie in Adonai, daß sie in seinem Namen dahinziehen!" Ueber diesen Text predigte Frankl*) am Versöhnungstage des Jahres 1884, dem letzten, den er noch in voller Gesundheit begehen sollte. Aber diese prophetischen Worte kann man als den Grundtext aller seiner Festpredigten ansehen; in allen und durch alle suchte er seine Zuhörer zu „kräftigen in Adonai" im Ewigen, sie emporzutragen über die Enge und Beschränktheit der Alltagsinteressen, über die Oede und Lehrheft des Skepticismus und Materialismus des sog. Zeitgeistes zu einer höheren, idealen Welt- und Lebensbetrachtuug, zur Lebensheiligung „in Adonai". Am Neujahrstage des Jahres 1881 entbietet er der Gemeinde den „Heilsgruß aus dem alten Israel" mit den Worten Sam, I. 25. 6: „Also ergehe es dir im nächsten Jahre bis zu dieser Zeit: du selber seiest Friede, dein Haus sei Friede, und Alles, was Dein ist, sei Friede" (a. a. O. S. 3 ff.). Und welch einen hohen ethischen Inhalt entwickelt der Redner aus diesem alten und ewig neuen Gruß, den er auch zum Texte seiner Predigt nimmt. „Das *) Wir führten auch die Worte in der von ihm gewählten Uebersetzung an; der Verewigte zog zuweilen vor, wie u. A. auch Jellinek es thut, statt des christlich anklingenden „der Herr", das ja nicht selten auch für Jesus gebraucht wird, in der Uebersetzung das hebmischchAdonai beizubehalten; die übliche Uebersetzung der „Ewige", dürfte jedoch vorzuziehen sein.