Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 8 (1888)
- Issue
- Heft 7 (1.7.1888)
- Date
- 1888-07-01
- Page
- Seite 148 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2969669-2969754-2969762--2303-2972481- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
148 wieder von edler Zuversicht verklärt. Und derselbe optimistische Geist ist es, der auch in Steinheim's philosophischen Schriften immer wieder siegend hindurchbricht, es ist der Geist des Glaubens an Israels Lehre, an Israels Sendung, an Israels Zukunft. Und nun, meine Hochgeehrten, bevor ich Ihnen die Geisteswelt des merkwürdigen Mannes zu erschließen versuche, noch eine kurze Bemerkung. Ich habe Steinheim auch eine vergessene Gestalt genannt. Habe ich aber ein Recht, die Erinnerung an eine solche zu wecken? Ist sie nicht vielleicht begründeter Weise aus dem Gedächtnisse geschwunden? — Ich könnte nun jenes Recht schon daher leiten, daß Steinheim's Schriften zur Zeit ihres Erscheinens Aufsehen erregt, also in die geistige Bewegung ihrer Zeit eingegriffen, und mithin als ein geschichtliches Moment ihre Würdigung verdienen. Indes will ich nur einer Thatsache erwähnen, die mein Unternehmen am besten rechtfertigt. Hervorragende Vertreter der jüdischen Wissenschaft, ein Geiger, ein Grätz, haben sich mit der Frage beschäftigt, wie es gekommen, daß der so freudig Begrüßte so bald wieder vergessen werden konnte — ein sprechender Beweis, daß diese Vergessenheit keine ohne Weiteres verdiente und selbstverständliche sei, daß also Steinheim es jedenfalls wert ist, daß wir eine Abendstunde seiner Erinnerung weihen. Vielleicht erschließt sich uns am Ende der Punkt, aus dem wir erkennen, inwiefern seine Bedeutung auch heute und für spätere Zeiten nicht gänzlich aufgehört. — Sowie die Blume der Frucht, sie verheißend, vorausgeht, also gingen auch den wissenschaftlichen Werken Steinheim's, welche die gereifte Frucht seines Nachdenkens enthalten, seine Gesänge voraus. Wir lernen in diesen Gesängen das warme jüdische Gefühl und den hohen glaubensvollen Sinn Steinheim's kennen, sie lassen uns auch teilweise schon den Hochflug seiner späteren kühnen Religionsanschauungen ahnen. Es wird aber unserem Vorhaben am besten entsprechen, wenn ich Ihnen statt jeder weiteren Charakteristik einige seiner Dichtungen selber vorführe. Das „neue Vestland" betitelt sich eine; sie enthüllt uns den mächtigen Freiheitssinn, der den Sänger erfüllt und ihn mit Allgewalt nach dem freundlicheren Westen zieht, zugleich aber den Schmerz darüber, daß er mit seiner edlen Sehnsucht in der Heimat den Fernerstehenden ein Gegenstand des Spottes, den Genossen ein Gegenstand der Verkennung ist. „Nicht um deine Berge voll Goldes, Nicht um deine Früchte voll Honigseims, Nicht uni deinen Himmel voll Sonnnenlichts, Um die heilige Freiheit allein Sehnt meine Seele nach dir sich Dämmerndes Land des Abendlichts. Meine Hände Hab' ich ausgestrecket Dir nach, sinkender Abendstern; Euch allen nach, Schaaren des Himmels! Denn meine Seele schmachtet Nach den Quellen deiner Thale, Nach den Lüften deiner Hügel Wie der Sohn der Grube Hinstrebt durch die Tiefe Nach dem fernscheinenden Lichtpunkt.