Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 8 (1888)
- Issue
- Heft 7 (1.7.1888)
- Date
- 1888-07-01
- Page
- Seite 147 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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- ii? — seine Brust, und kühlt im Strome der Philosophie den erregten Geist. In det erhabenen Welt, die er sich also geschaffen, eröffnete sich ihm, wie er sagt, ein Ausblick in eine unerschöpfliche Ferne, und in diesem Ausblick habe er Kraft und Beruhigung und wahrhaftige Erquickung gefunden, „wenn — ein nicht seltenes Ereignis — in seinem Innern Wehmut und Dunkelheit herrschte". „Diese Gesänge" — sagt er — waren ihm gleich der geselligen Spinne jenes Gefangenen, und kein Kerkermeister konnte sie zertreten." Aus dieser letzteren Andeutung besonders ersehen wir, daß Steinheim sich in der Heimat unglücklich gefühlt, und wohl die fortdauernde Unzufriedenheit veranlaßt ihn, in seinen vorgerückten Mannesjahren westwärts zu wandern, sich, wie es scheint, in einer Art Selbstverbannung, nach Rom zu dauerndem Aufenthalte zu begeben. Hier sehen wir ihn in einem Zeitraum von 23 Jahren mit vielseitigen Studien beschäftigt, vornehmlich aber an seinem bereits in Altona begonnenen religionsphilosophischen Werke eifrig Weiterarbeiten und dasselbe vollenden. Im Jahre 1852 vollendet er den zweiten, 1861 den dritten Teil seiner Offenbarung nach dem Lehrbegriff der Synagoge. Von Rom ging er mit seiner Gattin im Jahre 1866 im Anfang des Sommers nach Zürich, um daselbst in der Nähe guter Freunde einige Zeit der Erholung zu leben; allein nach achttägigem Aufenthalte war es ihn«, dem edlen Forscher der Offenbarung, beschieden, am Vorabende des Festes der Offenbarung, durch einen sanften Tod sein Leben zu beschließend) Wäre Steinheim, gleich Rießer, vornehmlich ein Mann der That gewesen, es mußte der biographische Rahmen für das Bild seiner Persönlichkeit in viel deutlicheren Umrissen gezeichnet werden, als ich es hier zu thnn vermocht. Denn reale Thaten hängen oft aufs innigste mit persönlichen Geschicken und Erlebnissen, mit äußeren Zufälligkeiten zusammen, und finden oft in diesen erst ihre volle Erklärung. Allein wir haben es ja bei Steinheim vornehmlich mit geistigen, nicht unmittelbar auf das Praktische gehenden Schöpfungen zu thnn; für das Verständnis dieser aber ist die Kenntnis der Grundstimmung der Seele, wie sie unter dem allgemeinen Eindruck der äußeren Lebensverhältniffe sich gebildet, wohl hinreichend. Diese Grundstimmung aber ist uns aus dem, was ich von dem Lebensgange Steinheim's zu erwähnen in der Lage war, deutlich genug entgegengetreten. Wir haben sie kennen gelernt als eine trübe im Hinblick auf die Gegenwart, und es wird uns aus ihr verständlich, der etwas herbe Zng, der durch Steinheim's Werke geht, der Zug der Erregung, eines fast trotzigen Stolzes, der ihn zuweilen zu einem heiligen Zorne fortreißt, der Zug ungewöhnlicher Energie und Kühnheit in seinen Gedanken. Aber wenngleich als eine für die Gegenwart trübe, doch nicht als eine pessimistische, nicht als eine resignative haben wir jene Grundstimmung erkannt. Vielmehr sahen wir Steinheim im „Ausblick in eine unerschöpfliche Ferne" Hoffnung und Trost schöpfen für die Zukunft, wie denn schon der Stolz und Trotz, von dem wir eben sprachen, beweist, daß wir es nicht mit einem Pessimisten zu thnn haben, als der sich mit entsagender Verzweiflung, mit Resignation, wie der Hindu, in sein Geschick fügt. Und so werden wir denn auch Steinheim als Dichter nicht unter jenen trauervollen Sängern finden, welche in den Betrachtungen ihrer Qualen schwelgen; er bedient sich seiner Kunst nicht lediglich, um zu sagen, was er leidet. Wohl zittert ein großer Kummer durch seine Lieder, aber es ist nicht sowohl sein persönlicher, als vielmehr der Kummer Israels, der ihn bewegt, und darum auch immer ') S. Kayserling a. a. O. 13*