Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 8 (1888)
- Issue
- Heft 7 (1.7.1888)
- Date
- 1888-07-01
- Page
- Seite 146 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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146 Allem des höchst originellen Grundgedankens wegen, der diese Bücher und des höchst eigenartigen, fast prophetischen Geistes wegen, der seine Dichtungen beherrscht; aber vorerst hiervon abgesehen, ist er eine interessante Erscheinung schon deshalb, weil er uns an die Glanzzeit der spanisch-jüdischen Geschichte erinnert, in welcher wir öfter in denselben Personen die Wissenschaft und Ausübung der Heilkunst mit hervorragenden Leistungen auf dem Gebiete der Theologie, Religionsphilosophie und Poesie vereinigt antreffen. Aber auch eine edle Gestalt habe ich Steinheim genannt, und um dies zu rechtfertigen, brauche ich nur daran zu erinnern, daß er ein Busenfreund Gabriel Rießer's gewesen und ein eifriger Theilnehmer an dessen Bestrebungen, die Lage der Glaubensgenossen zu verbessern. Ihm waren auch die vorhin genannten Gesänge Obadjah's gewidmet „als Erinnerung der Tage des Zusammenlebens in Bockenheim"; sie sollten, wie Steinheim im Vorworte (zur 2. Ausgabe) sagt, „ein Andenken werden unseres gemeinsamen Lebens in Einem Mittelpunkte, von entgegengesetzten Radien ausgegangen." Aus demselben Vorworte erfahren wir, daß die erstmalige Veröffentlichung dieser Gesänge im Jahre 1829 zum nächsten, wenngleich inhaltlich mit ihnen nicht zusammenhängenden, Zwecke hatte „die Beförderung ziinftiger Handwerke unter seinen Glaubensgenossen in Altona, die ihn der näheren Teilnahme an der Leitung ihrer Gemeindeangelegenheiten gewürdigt haben." Mit Schmerz führt er im Weiteren aus, wie durch die herrschende Unduldsamkeit die Hoffnungen vereitelt wurden, die man bei der Gründung des dem edlen Zwecke geweihten Vereins gehegt. „Der Verein — sagt er — hatte zu wirken begonnen in dem festen Vertrauen, daß die jüdischen Knaben, betten durch eine königliche Verordnung die Erlernung zunftmäßiger Handwerke gestattet worden war, und die ihre Jugend diesem Berufe gewidmet hatten, durch einen entsprechenden Fortschritt in der Gesetzgebung demnächst würden in den Stand gesetzt werden, das erlernte Handwerk auch gleich ihren christlichen Mitbürgern frei zu betreiben." Allein die engherzigen Provinzialstände des Herzogtums Holstein hatten die Erfüllung jener Erwartungen in unabsehbare Ferne gerückt. — Als einen wackeren Gesinnungsgenossen Rießer's, als einen Mann, dem die Wohlfahrt auch der gesammten Judenheit am Herzen lag, lernen wir Steinheim ferner durch seine „Meditationen" und die gediegenen Aufsätze in den Kieler Blättern kennen, die er zur Förderung der Emanzipationsbestrebungen veröffentlicht hat. Es ist derselbe edle Schmerz, dieselbe flammende Liebe zu den Brüdern, derselbe charaktervolle Stolz, derselbe mächtige Sinn für Freiheit, Recht und Humanität, und, was alles dies genährt und getragen, derselbe unerschütterliche Glaube an eine Vorsehung, die der gerechten Sache der Juden endlich den Sieg verleihen wird, — welche in beiden Männern walten; nur war Rießer mehr ein Mann der That, Steinheim ein Mann des Sinnens, der poetischen und philosophischen Beschaulichkeit. Die mannigfachen Kränkungen und Enttäuschungen, die Rießer erfährt, schüren nur das in ihm ruhende edle Feuer, daß er mutvoll ausspreche vor Volk und Fürsten, was ihn bedrückt, was ihn entrüstet; sie reizen nur den Löwen zu tapferem Kampfe gegen Unrecht und Willkür; in rührigem Thun beschwichtigt er seinen Unmut, das aufgeregte Meer seines herrlichen Herzens. Anders Steinheim. Auch seine Seele ist voll Trübnis ob der Felsenhärte, mit der man in Deutschland damals den Forderungen der Gerechtigkeit, soweit sie die Juden betrafen, noch vielfach gegenüberstand, auch viel persönliches Leid beengt ihn — was thut er aber? Er geht hin mit Obadjah in die Verbannung, er flüchtet aus der ihm unleidlichen Welt der Wirklichkeit in das Reich des Dichtens und Denkens, er erleichtert im Sange