Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 8 (1888)
- Issue
- Heft 6 (1.6.1888)
- Date
- 1888-06-01
- Page
- Seite 134 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2969669-2969754-2969761--2288-2972465- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
134 wer die Folgewirkung (seines Thuns) erwägt; R. Elasar sagt: ein gutes Herz. — Darauf sprach er zu ihnen: Ich gebe den Worten Elasars,' Sohnes Arachs, den Vorzug vor den eurigen, denn in der Norm seiner Worte sind die eurigen enthalten. — Er sagte ferner zn ihnen: Wohlan, sehet zu, welches das böse Verfahren ist, von dem sich der Mensch fernhalten soll! R. Elieser sagt: Ein böses Auge; R. Josua sagt: ein böser Genosse; R. Jose sagt: ein böser Nachbar; R. Simon sagt: wer leiht, ohne zu bezahlen (ganz gleich, ob er von einem Menschen oder von Gott leiht, denn es heißt (Ps. 37, 21): Es leiht der Frevler und bezahlt nicht; der Gerechte aber ist mildthätig und giebtj! — R. Elasar sagt: ein böses Herz! — Darauf sprach er zu ihnen: Ich gebe den Worten Elasars, des Sohnes Arachs, den Vorzug vor den eurigen, denn in der Norm seiner Worte sind die eurigen enthalten." Die Urteile der Schüler entsprechen ihrem Wesen und der von ihnen im vorhergehenden Spruche gegebenen Charakteristik: R. Elieser, der Gelehrte, welcher von dem erworbenen Wissensschatze nichts verliert, aber auch zu demselben nichts Neues hinzuthun will, rühmt als den Vorzug des Menschen das gute Auge, die Bescheidenheit und die Neidlosigkeit, und er rät vom Gegenteil, einem bösen Auge, dem Neid und der Unbescheidenheit ab. R. Josua, das Heil seiner Mutter, das gute Kind, hält es für einen Vorzug, ein guter Genosse zu sein und das Gegenteil für einen zu vermeidenden Nachteil. R. Jose, der Fromme, will dem Anderen wohlthun, also ein guter Nachbar sein. R. Simon, der Sündenscheue, sieht auf die Folgen und Wirkungen einer jeden Handlung. R. Elasar, die frisch sprudelnde Quelle, betrachtet als des Menschen Vorzug ein gutes, frohes Herz. 10. „Sie sagten drei Worte. R. Elieser sagte: Wert sei dir die Ehre deines Genossen, wie die deinige und sei nicht zu zürnen geneigt; kehre einen Tag vor deinem Tode um; erwärme dich am Lichte der Weisen, doch nimm dich in Acht vor ihrer Kohle, daß du dich nicht brennest, denn ihr Biß ist Schakalenbiß, ihr Stich Skorpionsstich, ihr Zischeln Schlangenzischeln und alle ihre Worte sind wie feurige Kohlen." R. Elieser, der Mann der festen, überlieferten Tradition, der letzte Zweig aus der Schule Schannnais, trat oft der Autorität Gamliels II., seines Schwagers in Jabueh, entgegen und widersetzte sich thatsächlich seinen Bestrebungen, die Tradition im Flusse zu erhalten und eine Einheit in der Gesetzesnormierung zu erzielen. Dieser Widerstand führte einmal zum vollständigen Bruche und R. Elieser wurde von seinem Schwager in den Bann gethan. Als Gebannter lebte er in trüber Verstimmung in Cäsarea, von welcher das erste und dritte Wort des Spruches zeugt. Das zweite Wort hingegen «„kehre .... um") gewährt uns einen Einblick in sein Inneres, welches von Vorwürfen gequält wurde, sei es über seinen Starrsinn, sei es darüber, daß er sich zur Zeit der Verbannung aus der Mitte der Weisen in einen Umgang mit einem Judenchristen einließ, durch welchen er — wie es scheint — in eine Anklage verwickelt und vor den römische» Statthalter von Syrien zur Rechenschaft gezogen wurde (S. zu 3, 17). Damals nämlich, in den Tagen der Kaiser Domitian und Trajan, hatte sich das Judenchristentum schon so sehr verbreitet, daß man in Rom den Verfall der Staatsinstitutionen befürchtete und strengere Maßregeln gegen die Christen anzuwenden begann. R. Elieser reinigte sich freilich voll und ganz von jenem Verdachte, doch kehrte er um und gab seinen Umgang auf (Grätz, Gesch. d. I. IV., 54).