Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 8 (1888)
- Issue
- Heft 6 (1.6.1888)
- Date
- 1888-06-01
- Page
- Seite 131 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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131 lische „Horn" gilt zwar auch als Zeichen der „Macht und Kraft", aber diese Bedeutung hat „Horn" vom Büffel (reein), der seine Macht und Kraft im Horne hat. Büffel-, Stierhörner sind es indes bei Michel Angelo nicht, obwohl auch diese nicht dem Texte entsprechen würden. Der horngestaltete Moses bei den christlichen Malern und in der christlichen Kirche beruht nun in Wirklichkeit nicht ans bloßem Mißverständnis, ihm liegt vielmehr eine bewußte Absicht zu Grunde. Auch hier stoßen wir wiederum auf das polemische Christentum, welches zu seiner Erhebung und Unterscheidung das Judentum erniedrigte. Der Religionsstifter und die Heiligen des Christentums nämlich haben den Heiligenschein; auch „Gott Vater" wird so dargestellt, und man unterscheidet zwischen einem Lichtschein, der den ganzen Körper umfließt (aureoia) und einem solchen, der nur das Haupt ganz oder im Halbkreis umgibt (nimbus); aber Entstehung und Ursprung im Christentum weiß man dafür nicht anzngeben. Dieser Ursprung ist nämlich in Bibel und Talmud zu suchen. Moses Antlitz leuchtete, wie der Text sagt, „als er und in Folge daß er mit Gott geredet hatte". Es war der Widerschein des Lichts, welches die Herrlichkeit Gottes umgibt und sich auf Mosis Antlitz gelagert hatte. An diesem Lichtglanze, sagt der Talmud, werden sich auch die Frommen im Jenseits erfreuen, wenn sie in der Nähe Gottes weilen. Hier auf Erden ist eben niemand außer Moses dieser Nähe Gottes wieder gewürdigt worden. In diesem Lichtglanze, der Mosis Antlitz umgab, und in dem Strahlenglanze, den dieses auswarf, liegt der erste und eigentliche Ursprung des christlichen Heiligenscheins. Diesen entnahm das polemische Christentum, wie so vieles, dem Judentum, vindizierte es sich als sein ursprüngliches Eigentum, drückte das Judentum auf das Niveau des Heidentums hinunter, ja noch tiefer, und stellte sich, erhaben über Heiden- und Judentum, als die vollendete Religion hin. So erhielt das Christentum den Gott und die Religion der Liebe vom Judentum und gab diesem den heidnischen Gott und das heidnische Gesetz der Rache. So entnahm wiederum das Christentum dem Jndentnnl für den Religionsstifter und seine Heiligeil den Lichtglanz und Heiligenschein, und gab Moses statt des strahlenden Antlitzes Tierhörner, heidnische Symbole, auf den Kopfe. Statt solcher Hörner muß also Mosis Antlitz Lichtglanz und Heiligenschein tragen. — Alle Uebersetznngen übertragen demgemäß die Textesstelle, nur die Vulgata nicht, welche für die Kirche, wie kirchliche Maler und Plastiker maßgebend ist; indeß weiß selbst diese nichts von Hörnern auf dem Kopfe, sondern nur von einem gehörnten oder hornartigen Antlitz (eoniuta facies). Wie ein solches zu denken und darzustellen ist, gibt die Vulgata selbst nicht näher an; deren kirchliche Ausleger und Darsteller machen, wie wir wissen, einen gehörnten Kopf daraus. Die Darstellung Mosens mit Hörnern ist deninach entschieden falsch, christlich und antijüdisch und dürfte von Juden nicht anerkannt, acceptiert und nachgeahmt werden. Auch die Darstellung mit zwei Strahleubüscheln, welche wie zwei Hörner dem Kopfe entströmen, unterliegt derselben Kritik. Vielleicht hat auf diese Darstellung die Stelle Habak. 3, 4 mit eingewirkt, wo die Erscheinung Gottes im Lichtglanze des Blitzes geschildert wird; hier wird der Doppelzickzack des Blitzstrahls „zwei Hörner" (kaniajim) genannt. Unter Blitz erscheint Gott auch am Sinai dem Moses und derartigen Theophanien begegnen wir oft in der Bibel. Eine solche Darstellung mit zwei Ätrahlenbüscheln ist zwar milder als diejenige mit Tierhörnern, hat aber auch keine biblische Unterlage. Die Theophanie in Habakuk hat mit Moses keinen Zusammenhang, und wollte man diese auf die