Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 8 (1888)
- Issue
- Heft 6 (1.6.1888)
- Date
- 1888-06-01
- Page
- Seite 130 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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130 des Juden- und Christentums. Moses sollte den Zorn und die Rache darstellen, als dem Gott und der Lehre des Judentums charakteristisch; Paulus die Milde und Liebe, als das erhabenere und ideale Charakteristikon des Christentums. So ist es ja der Polemik des Christentums stets eigen gewesen, das Judentum unterzuordnen und sich darüber zu erheben. In diesem Gegensatz sind Händel's Samson (Simson) und Messias geschrieben; so auch Mendelssohn's Elias und Paulus. Nun — Mendelssohn war zwar als Jude geboren, jedoch Christ geworden; aber sogar Mosenthal, der Jude, stellte dem christlichen Publikum zu Lieb in seiner „Debora" die Jüdin und Christin in einen solchen Gegensatz. Der Papst stritt lange mit dem Künstler über Auffassung und Darstellung dieser beiden Statüen, sie konnten sich erst spät durch fremde Vermittelung und Nachgiebigkeit des Künstlers einigen. Darum führte aber auch der Künstler selbst diese Gruppe nicht aus, sondern beauftragte seine Schüler damit. Der bald nachfolgende Papst Paul III. mußte aber beim Anblick der Moses-Statue gestehen: Getreuer hätte der jähzornige Blick Julius II. nicht getroffen werden können, als in diesem Moses-Bilde. Noch ein andrer Punkt stößt uns auf. Die Statue trägt wahrhafte Hörner auf dem Kopfe. Solche sind Moses nach der Auffassung der Vulgata beigegeben, welche die Stelle Exod. 34, 29: „Moses Antlitz warf Strahlen" libersetzt: quod cornuta esset facies d. h. „Mosis Antlitz war gehörnt." Das hebräische Wort karan im Texte der Bibel heißt indeß hier nicht „gehörnt sein", sondern „Strahlen werfen" (glänzen, leuchten). Auch dem Lateiner erscheinen z. B. die Strahlen des Mondes wie davon ausgehende Hörner. Das aus einer Fläche Hervorstehende, wie davon Ausgehende — und als solches erscheinen die Strahlen — heißt „Horn"; darum auch die Ecken der Mondsichel, die Ecken des Altars im jüdischen Tempel. Das hebräische karan und das lateinische eornu, beide heißen „Horn", sind sogar sprachverwaudt. Nach alten Uebersetzungen und Kommentaren sagt der hebräische Text: „Mosis Antlitz warf Strahlen"; ferner spricht der Text ausdrücklich vom Antlitz und nicht vom Kopf, dem Hörner heigegeben sind. Auch im Arabischen heißt das gleichlautende Wort: „strahlen". Bon den Strahlen der Morgenröte, dem ersten Strahlenwerfen der Sonne, stammt auch der biblische Ansdruck Ajelet üaseliaeliai' Pi. 22, 1), in welchem das Strahlen des Morgenrots mit dem Geweihe einer Gazelle verglichen ist, also das Morgenrot gleichsam eine gehörnte Gazelle genannt wird. Auch Jbn Esra übersetzt: das Antlitz warf Strahlen. Er fügt aber auch eine zweite Erklärung bei: Bon dem 40 tägigen Fasten ist das Antlitz „hornartig" eingetrocknet^ und eingeschrumpft gewesen, — der Text spricht auch ausdrücklich von der „Haut" des Antlitzes, — die Backenknochen seien durch die Abmagerung hörnerartig hervorgetreten, mtb Mosis Antlitz habe überhaupt das Aussehen eines Todten- Antlitzes gehabt, sodaß das Volk zurückgeschreckt sei und sich gefürchtet habe, Moses nahe zu trete» und ihn anzusehen. Wie kommt demnach Mosis Kopf zu Hörnern? Selbst die Vulgata spricht doch von Mosis Antlitz und nicht von Mosis Kopf. In der That aber erscheint in alten katholischen Bilder-Bibeln Moses wie der leibhaftige Satan mit Hörnern, oder will man ein anderes Bild, wie die spmbolische Figur an Bockbier-Kellern. Das Bild Michel Angelo's gibt Moses auch Bockshörner, aber kurze, nach Art des gehörnten Dionysos in der griechischen Mythologie, wo diese Hörner ans die Vertierung des durch den Genuß des Weins und die Orgien des Bacchos ausschweifend gewordenen Menschen hindeuten. Das bib-