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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1888-06-01 · Heft 6 (1.6.1888) · p. Seite 123

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
8 (1888)
Issue
Heft 6 (1.6.1888)
Date
1888-06-01
Page
Seite 123 (sequence 3)
Language
German
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123 Mittelpunkt des Bundes zu sein, wie Berlin, denn sie ist mit über 60,000 Seelen *) nicht nur die größte, sondern ihrem Geiste nach auch diejenige, welche dem von Moses Mendelssohn angebahnten Fortschritt in Wissenschaft und Leben immer treu geblieben, indem sie das Judentum fortzuentwickeln und auf der Höhe seines Ideals zu erhalten bestrebt ist. Meine Herren! Schon in der Bezeichnung Deutsch-Israelitischer Gemeinde-Bund gelangt sein Wesen und Wollen zu klarem Ausdrucke. Der Bund will, daß neben dem Bewußtsein, daß wir wie vollverpflichtete auch vollberechtigte Deutsche sind, unsere religiöse israelitische Besonderheit, >vie dieselbe in Glauben und Wissen sich darstellt und in That und Leben zuin Heile der Gesamtheit sich gestaltet, gemeinsam in einer Verbindung, die alle jüdischen Gemeinden Deutschlands umschließt, gefördert und gepflegt werde und glaubt dies mit Recht am besten dadurch zu erreichen, daß er die Interessen der Verwaltungs-, Bildungs- und Wohlthätigkeitsanstalten der einzelnen israelitischen Gemeinden in Deutschland wahrnimmt und denselben seine Aufmerksamkeit und Thätigkeit zuwendet. Meine Herren! Zahlen sprechen. Werfen wir an der Hand des jüngst von dem Bunde herausgegebenen Jahrbuches für 1888, welches Werk selbst schon eine That zu nennen ist, indem es in geordneter Übersicht ein früher nicht vorhanden gewesenes Bild von den Juden in Deutschland gewährt, nur einen Blick auf das Arbeitsfeld, auf dem der Bund thätig sein will, so werden wir es erst recht begreifen, welch' eine Notwendigkeit der Bund sei und wie man einen schaffen müßte, wenn keiner vorhanden wäre. Schon äußerlich betrachtet, bietet die Judenheit in Deutschland ein Bild der Zersplitterung und Zerstreuung dar, sie bildet eine Diaspora, die dadurch noch mehr unser erstes Nachdenken herausfordern muß, daß die inneren Zustände ein womöglich noch traurigeres Bild darbieten als die durch unberechenbare äußere Verhältnisse sich uns aufdringende Thatsache einer namenlosen Zerrissenheit, die uns ernstlich gemahnt, endlich einmal zusammensetzend anstatt zersetzend und dadurch fegen- und heilbringend zu wirken. Man kann in Deutschland neben Berlin eigentlich nur noch von drei Großgemeinden, von Breslau, Frankfurt a. M. und Hamburg sprechen, welche je über 15000 jüdische Seelen umfassen, Gemeinden mit unter 8000 Seelen sind nur zwei vorhanden, Köln und Posen. Es kommen dann zehn Gemeinden, mit unter 5000*), sieben Gemeinden mit über 2000b), achtundzwanzig mit über 1000*) und die übrigen, an dritthalbtausend kleine Gemeinden, mit unter 1000, von denen ein sehr großer Teil noch nicht 100 Seelen zählt. Diese Kleingemeinden, die durch den Zug nach den Stadtgemeinden täglich abnehmen, nicht zum Vorteile letzterer, sie veröden und verarmen und haben, wenn wir Baden und Württemberg ansnehmen, keine eigentliche Organisation. Meine Herren! Die eben vorgeführten statistischen Mitteilungen, sie mahnen und fordern uns ans zu Thaten. Was diese Gemeinden in ihrer Vereinzelung nicht vermögen, das werden sie eher und leichter durch- ') Berlin zählt gegenwärtig 64,300 jüdische Seelen. 2) Cassel, Fürth, Hannover, Königsberg, Leipzig, Mainz, Mannheim, München, Nürnberg, Straßburg i. C. s) Beuthen, Danzig, Dresden, Karlsruhe, Mühlhausen i. E., Stettin, Stuttgart. Aachen, Altona, Augsburg, Bamberg, Bromberg, Colmar i. E., Darmstadt, Dortmund, Düsseldorf, Elberfeld, Gleiwift, Glogau, Gneseu, Jnowraclaw, Kattomitz, Kempen, Krotoschin, Liegnitz, Magdeburg, Offenbach a. Ä., Ostrowo, Ratibor, Rawicz, Rogasen, Schrimm, Tilsit, Tyorn, Worms. 10*

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