Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 8 (1888)
- Issue
- Heft 5 (1.5.1888)
- Date
- 1888-05-01
- Page
- Seite 103 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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103 Welche — wir betonen es noch einmal und verhehlen es uns keineswegs — bei unseren Glaubensgenossen, die ein Prophet einmal „ein widerspenstiges Volk" genannt hat, — schwere aber hohe Aufgabe ist einem mit Begeisterung für die edle Sache getragenen Wirken eröffnet! — Nur wenn wir eifrig und fleißig an uns selbst arbeiten und es unternehmen wollten, Krankes zu heilen, Jrrtümer anszurotten und Verkehrtes zu beseitigen, wird es uns gelingen, bett Ruf unserer Zeit verstehend, unsere — seien wir ehrlich — zuweilen durch unsere eigene Schuld herbeigeführte Verkennung unserer gegnerischen Mitbürger zu beseitigen, nicht allein in der Gegenwart unsere leider so oft auch durch Pfeile der Verleumdung vergiftete, traurige Lage zu verbessern und einer großen Agitation die Spitze abzubrechen, sondern auch für die Zukunft von einer im wahren Geiste unserer Religion erzogene» und vom „praktischen Judentum" erfüllten Generation bessere Zeiten herbeiführen zu helfen. Wir halten den Mendelssohn-Verein, dessen Organ diese Blätter sind und dessen Mitglied wir zu sein die Ehre haben, so recht geeignet, ein Sammelplatz aller Derer zu werden, welche bereit sind, in der von uns angedeuteden Richtung agitirend und bahnbrechend thätig zu werden. An die Mitglieder desselben, sowie an alle Freunde eines reformatorischen und aufgeklärten Judentums sei dieser Appell gerichtet, der auf fruchtbaren Boden fallen möge. — Sagt doch Mendelssohn, dem das Judentum die großen Errungenschaften in der Gegenwart verdankt, dessen angebahnte Richtung der obengenannte Verein von Neuem zur Geltung zu bringenl) sich zur dankeswerten Aufgabe macht, einmal: „Es ist uns erlaubt über das Gesetz nachzudenken, seinen Geist zu erforschen, hier und da, wo der Gesetzgeber keinen Grund angegeben, einen zu vermuthen, der vielleicht an Zeit und Ort und Uniständen gebunden gewesen, vielleicht mit Zeit und Ort und Umständen verändert werden kanu"^). Und in seinen „Morgenstunden" ruft er uns beredt zu: „Da Aberglaube, Pfasfenlist, Geist des Widerspruchs und Sophisterei uns durch so vielerlei Spitzfindigkeiten und Zauberkünste den Gesichtskreis verdreht und den gesunden Menschenverstand in Verwirrung gebracht haben, so müssen wir freilich wieder Knustmittel anwenden, ihm zu Hilfe zu kommen." Ist es nicht wahrlich endlich hohe Zeit, dieser goldnen Worte des „tapferen Soldaten im Befreiungskriege der Menschheit" lauter zu gedenken und dem Gedächtnis tiefer einzuprägen, dies aber auch zu bethätigen, ehe es zu spät wird? Per Wucher auf dem Lande. In einer der letzten Sitzungen der volkswirtschaftlichen Sektion des Freien Deutschen Hochstifts in Frankfurt a. M. ward die Publikation des Vereins für Sozialpolitik betr. „den Wucher auf dem Lande" besprochen, welche ein bedenkliches Licht auf die neuere Thätigkeit des bekannten Vereins wirft. ') Siehe § l b. Statuten. 2) Jerusalem oder über die religiöse Macht und Jubeutiuu.