Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 8 (1888)
- Issue
- Heft 5 (1.5.1888)
- Date
- 1888-05-01
- Page
- Seite 101 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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101 Nun, die Antwort wird für die Einsichtigen und Vernünftigen unserer Glaubensgenossen nicht allzuschwer zu finden sein. Aber leider sind es bis heute nur Wenige dieser Fortgeschrittenen, welche die vielen Gebrechen, die innerhalb unserer Religionsgemeinschaft weit um sich gegriffen haben und zusehends an Umfang gewinnen, bemerken, oder, wenn Maiiche genug Verständnis hierzu besitzen, so sind sie zu indifferent, nur einen einzigen Schritt zu thun, um eine Besserung wirklich herbeiführen zu helfen. Nur wenn unsere Feinde stolz ihr Haupt emporheben und sich unterfangen, uns Verläumdungen entgegen zu schleudern und. so absichtlich den Samen der Mißachtung unter unsere christliche Mitbürger auszustreuen versuchen/) dann, ja dann erst werden — wenigstens die Bessergesinnten zum Nachdenken über uns selbst angeregt. Sonst kann es ja gehen, wie es nur will, wenn nur ja dem Einzelnen keine Mühe und Last, keine Entbehrung der mannigfachen täglichen Lebensgenüsse auferlegt werden. Denn wie der Dichter treffend Jagt:2) „Es geht ein Hasten und Hetzen Hin durch die ganze Welt, Ich höre sie mit Entsetzen Laut rufen: Zeit ist Geld! Das rast auf eisernen Schienen Und stöhnt auf Meer und Fluß — Die Loosung heißt: Verdienen! Und die Parole: Genuß!" Aber es kann nicht so fort gehen und wir fügen hinzu, es darf nicht so weiter gehen. Wenn wir aber eine Dauer versprechende und nicht nur vorübergehende Heilung wenigstens der Hauptschäden innerhalb unserer Religionsgemeinschaft anbahnen wollen, so dürfen wir es nicht scheuen, dieselben mit rücksichtsloser Offenheit und Wahrheit aufzuzeigen. Vor allem niöchte es endlich an der Zeit sein, der religiösen, aber vom Geiste des aufgeklärten Judentums durchdrungenen Erziehung unserer Jugend mehr als bisher unsere Aufmerksamkeit zu schenken. Denn nur von einer im wahren Geiste des Judentums erzogenen, von seinen Idealen erfüllten Jugend können wir eine den Sturm der Zeiten überdauernde Besserung unserer inneren Zustände für die Zukunft erwarten. Und hier wolle man vor allem unserer weiblichen Jugend, welche, so traurig es ist einzugestehen, eben so viel als nichts von dem ethischen Inhalte unserer Religion erfährt, weit mehr als seither gedenken. Denn den Frauen liegt es ja ganz besonders ob, einst in das empfängliche Herz der Kinder Saaten religiöser Empfindungen und religiösen Denkens zu senken, das auch ihr einstiges Handeln im Leben begleiten und lenken soll. Wie können wir aber von unserer heutigen Jugend — wenige Ausnahmen ausgeschlossen — Sinn für die erhabene Religion ihrer Väter erwarten, wenn deren Angehörigen selbst die Lehren derselben wie ein Buch mit sieben Siegeln verschlossen bleibt, ja noch mehr, diese ihnen als eine unzeitgemäße Lektüre erscheint? — Also hier ist der Hebel für eine Erfolg versprechende „innere Mission" unter unseren Glaubensgenossen. Wahrlich das Feld einer zwar mühsamen, wenn anch nicht sofort von sichtbarem Erfolge gekrönten, aber einer desto segens- ') Vgl. „Zur Abwehr" Nr. 11 v. Jahrg. 0 Hans Hildebrandt. Gedicht: Die Geldgier: Deutsches Dichterheini, Jahrgang VIII, Nr. 3. Paul Heinze, Dresden-Striesen.