Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 8 (1888)
- Issue
- Heft 5 (1.5.1888)
- Date
- 1888-05-01
- Page
- Seite 100 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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100 wehen auch über die Gefilde, auf welchen wir die Saaten geistigen Fortschritts ausgestreut haben, manche rauhe Sturme dahin, hie und da ist es, als ob die Zeiten zurückkehren wollten, in denen der herzlose kaltsinnige Egoismus der Massen alles Wachstum der Ideen hemmen, den lebendigen Aufschwung der Geister lahm legen wollte, doch die Menschheit schreitet unaufhaltsam fort, das Licht der Erkenntnis siegt, wenn auch nach mannigfachen schweren Kämpfen und nur der Wahrheit gehört die Zukunft. Lassen wir den erweckenden Frühlingsruf der Geschichte, der einst von Sinais Höhen ertönte, mächtig wiederklingen in unserer Mitte, halten wir die Ideale des Judentums hoch und heilig, rüsten wir uns aus mit jener Gesinnungs- und Überzeugungstreue, die uns mit Zuversicht und Selbstvertrauen beseelt! Arbeiten wir unablässig an der Veredlung unseres Herzens und an dem Aufbau des Judentums, in welchem die Humanität ein unzerstörbares Heiligtum sich errichtet! Folgen wir den Mahnungen und Verheißungen der lichtvollen Frühlingszeit! Bleiben wir unserem Streben treu, treu unseren Hoffnungen, unseren Idealen! Folgen wir der feierlich verkündeten Erklärung unseres geliebten Kaisers und Königs Friedrich III., dessen Worte „Ich will, daß der seit Jahrhunderten in Meinem Hause heilig gehaltene Grundsatz religiöser Duldung auch ferner Meinen Unterthanen, welcher Religionsgemeinschaft und welchem Bekenntnisse sie auch angehören, zum Schutze gereiche!" einen Markstein an der Grenze der Zeiten bilden, ein Leuchtfeuer fiir die vergehenden und kommenden Geschlechter und die wir als eine Frühlingsbotschaft begrüßen, die unsere Hoffnungen belebt und uns mit dem begeisterten Streben erfüllt, unentwegt und zielbewußt unseren Idealen zu folgen. „Unsere" innere Wisston. Bon Eugen Elkan, z. Z. in Tübingen. I. Nachdem diese Blätter in einem Zeiträume von sieben Jahren, auf der Warte der Zeit stehend, in edler Begeisterung und mit dem Freimut eines wahren von der hohen Aufgabe des Judentums durchdrungenen und entflammten Freundes, die offenen Wunden und die schleichende Krankheit an und in demselben aufzudecken, frei und ehrlich zu bekämpfen unternommen haben, um ein Morgenrot der Zukunft anbahnen zu helfen, wird es dennoch dem aufmerksamen Beobachter nicht entgangen sein, daß immerhin noch viel, sehr viel, ja das meiste für die nötige Heilung zu bewirken, uns obliegen muß. — Wir befinden uns in einer raschlebigen, nur den Erfolg anbetenden Zeit, in der die stille Geistesarbeit der Gelehrten nur dann Berücksichtigung und Anerkennung findet, wenn sie, die engen Grenzen der Studirstube verlassend, sich in den Dienst des Augenblickes stellt. — Wir müssen diesem Zeitgeiste Rechnung tragen, ihn begreifen. Dann wird er uns ein Fingerzeig sein, eine Förderung des so nötigen und schon viel zu lange aufgeschobenen Heilungsprozesses, den wir hier im Auge haben, in der That auch zur Ausführung zu bringen. Wo aber soll mit dieser Herkulesarbeit begonnen werden, wenn, um mit den Propheten zu sprechen, das ganze Herz krank und das sonst freundliche Antlitz des Judentums Spuren schweren Siechtums zeigt? —