Mannheim
Compact Memory

Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1888-05-01 · Heft 5 (1.5.1888) · p. Seite 99

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
8 (1888)
Issue
Heft 5 (1.5.1888)
Date
1888-05-01
Page
Seite 99 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2969669-2969754-2969760--2252-2972428
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

99 verriegelten Pforten der Ankunft öffnet, daß es hinwegblickend über alle düsteren Schatten, die vor ihm hingelagert sind, Pfade des Lichtes erschauet; Hoffnung ist die Brücke, die über die finstere Kluft der Sorge und Bangigkeit uns hinwegführt; Hoffnung ist das Band, das uns an's Dasein fesselt und uns die Freude in das Herz hineinzieht. Sie ist das ewig Kindliche, das wir niemals verlernen sollen, sie verleiht unserem Herzen eine Jugend, die niemals altert und niemals dahinwelkt, und macht uns das Dasein wert und freundlich. Und was dem Herzen die Hoffnungen sind, das sind dem Geiste die Ideale. Man muß ihnen anhängen, um ihnen folgen zu können; man muß sie lieben, wenn man sie auch nicht verwirklichen kann. Wir erreichen ja niemals die besten Ziele unserer Wünsche und Hoffnungen, immer weiter strebend, ziehen wir auf den Bahnen des Lebens dahin und an der Pforte jedes Augenblicks, der noch auf dem Gebiete der Zukunft liegt, steht der Wunsch, ihn zu besitzen. Sollten wir aber, weil manche Erwartung fehlschlägt, mancher verheißungsvolle Ausblick mit schmerzlicher Enttäuschung endet, unserem Herzen den lieblichen Genuß der Hoffnung rauben und ihm den holden Traum versagen, der, wenn er zur Wirklichkeit sich gestaltet, zugleich auch dadurch zerstört wird? Und wenn die Ideale des Geistes, die über die gewöhnliche Denkungsart so erhaben sind, deßhalb niemals von uns ganz erreicht werden können und mancher Abfall und Rückfall, dessen wir uns schuldig machen, es uns zeigt, daß wir bei aller Hoheit des Strebens immer nur Menschen bleiben, Menschen mit allen Schwächen und Fehlern des irrenden Geistes und Herzens, sollen wir deßhalb jene Ideale ganz fallen lassen und sie in das Reich der Phantome und Nichtigkeiten verweisen? Wenn wir den Erfolg zum Gradmesser machen wollten, nach welchem der Wert der Gedanken zu bestimmen sei, von denen die Bestrebungen der Menschheit geleitet sind, dann müßten wir freilich alle die Wege, auf denen der Geist unabhängig von des Lebens zwingenden Mächten seinen Zielen nachgeht, als verhänguißvolle Jrrpfade ansehen und dem Lichte auszuweichen suchen, das unserem Geistesauge die volle ungetrübte Klarheit verleiht. Gerade die Bestrebungen, die auf das Gute gerichtet sind, haben iminer nur nlühsam und unter schweren Kämpfen sich Bahn gebrochen. Nicht Erfolge, sondern Hemmungen und Niederlagen sind stets den Siegen jener großen und erhabenen Ideen vorangegangen, welche die bisherigen Külturfortschritte der Menschheit begründet und geschaffen haben — aber die Ideen haben schließlich doch gesiegt und unvergänglich ist ihr Erfolg, ein Segen der kommenden Geschlechter. Lassen wir uns daher nicht entmutigen, wenn wir sehen, daß die besten Bestrebungen unter der Ungunst der Zeiten, unter dem Unverstände der Menschen verkümmern und aussichtslos bleiben oder gar absichtlich mißdeutet und zurückgedrängt werden! Geben wir wegen der augenblicklichen Enttäuschungen undMißerfolge die Hoffnungen nicht auf! Führen wir uns die Erfahrungen der Geschichte zu Herzen, die uns die Gewißheit geben, daß alles Große und Herrliche, wenn auch oft in seinem Fortschritte gehemmt oder gar zurückgeworfen, doch zuletzt seine Geltung in der Menschheit sich erringt und lassen wir uns die hohen Ideale des Glaubens und der Tugend, der Weisheit und der Liebe, der Humanität und der Geistesgröße nicht rauben, wenn sie auch noch in manchen Kreisen geringschätzig angesehen und mit frivolem Hohne in den Staub getreten werden! Wie im Frühling die Stürme nicht ausbleiben und mancher Rückschlag der Witterung uns wieder an des Winters erstarrenden Frosteshauch gemahnt, aber dennoch jeder neu aufleuchtende Tag uns immer mehr in die milde freundliche Lenzeszeit hineinführt, so 9*

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.