Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 8 (1888)
- Issue
- Heft 5 (1.5.1888)
- Date
- 1888-05-01
- Page
- Seite 98 (sequence 2)
- Language
- German
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98 uns den kommenden Lenz verheißt und über die grünenden Gefilde der Erde das sonnige Licht des Himmels ergießt. Die grinsende Eisesdecke hat von der Oberfläche der Erde sich hinweggehoben und zwischen knospenden Blüten und schattigen Zweigen schaut das lächelnde Antlitz des Frühlings hervor. Die Schule der Natur hat ihre schönsten Lehrhallen uns geöffnet, die Schrift, die wir in dem großen Schöpfungsreiche lesen, tritt in frischen, strahlenden Zügen uns vor Augen und Bäume, die mit jungem Laub sich schmücken, sind die Katheder, von denen Sprüche göttlicher Weisheit uns zutönen. Was der kommende Frühling uns wohl zu sagen hat? welche Lehre dieser liebliche Bote der Natur uns überbringen will? Der Frühling beschenkt uns mit vielen holden, erfreulichen Gaben, aber die schönste Blume in dem Kranze seiner Wonnen, den er uns darreicht, ist die Hoffnung, die er in den Menschenherzen erblühen läßt. Hoffnung ist der schöpferische Ruf, mit welchen! er die Erde aus ihrem Wintergrabe erweckt. Hoffnung ist das erlösungsreiche Wort, das er den bangenden Gemütern verkündet. Welches Bild der Vergänglichkeit, der Erstorbenheit, des Stillstands und der Vernichtung, das die Natur in den rauhen Wintermonaten uns vor Augen stellt! Kein Gras auf dem Felde, kein Blatt auf dem Baume, alles Leben der Pflanzenwelt entschwunden und entflohen, die Erde eine Eiswüste, über die der Hauch der Erstarrung dahinwehk, die Finsternis undurchdringlicher Nacht sich ausbreitet. Und welch ein entzückendes Gemälde der Verjüngung und Neugestaltung, das dann der Frühling auf diesem verblaßten Grunde mit goldenem Griffel und in den saftigsten Farbentöuen vor uns hinzeichnet! Aus dem Acker sprießen die zarten Keime hervor, das junge Laub wächst an den Bäumen heran, der Himmel sendet die wärmenden Strahlen hernieder, die Erde ist ein grünender Garten geworden und alles freut sich seines Daseins mitten unter dem wachsenden, singenden, leuchtenden Leben, das da von Neuem erstanden und aufgewacht ist. Wunder der Auferstehung vollziehen sich vor unfern Augen und in unseren Herzen leuchten Hoffnungsstrahlen auf, die die Schatten der Bangigkeit aus unserem Gemüt verscheuchen und einen Himmel voll Wonne und Jugendlust über unsere Seele ausbreiten. Und wie sollten wir nicht hoffen, wo alles hoffend in die Zukunft hinansschreitet und in allmähligem Werden sich zu immer» schönerer Vollendung gestalten will? Wir wissen ja, daß der Frühling nur der Vorbote des Sommers ist und daß auf das Keimen auch das Wachsen folgt. Kaum hat die Frühlingssonne die schlummernden Saatkeime geweckt, daß sie, immer höher emporsprießend, des Erdreichs innere Kraft zum Vorschein bringen, da hat sie auch schon das Gewand gewoben, das sie schützend über die jungen Pflanzen ausbreitet. Bekleidet ist jedes Zweiglein mit reichem Blätterschmucke und jeder Halm grünt in jugendlicher Frische. Und das Wachstum führt zur Blüte und der Blüte folgt die Reife. Die Knospe, die verschlossen ihr Haupt zwischen den Blättern wiegt, öffnet einst ihr holdes Blumenauge und wenn dann die welkenden Blüten vom Winde verweht sind, zeigt uns, zum fröhlichen Genüsse winkend, die Frucht ihr entschleiertes Antlitz. So verkündet es uns der Frühling mit jedem keimenden Sproß, niit jedem rauschenden Blüttlein, daß das Sein durch ein allmähliges Werden sich vorbereitet, daß der Erfüllung die Hoffnung vorangeht und die Entwicklung dem Ziele. Der Frühling lehrt den Menschen das Hoffen. Und die Hoffnung? Wo gäbe es eine beglückendere Gabe für das Menschenherz, als das Hoffnungsgefühl, das ihm Macht und Stütze verleiht, Trost und Freudigkeit, Mut und Zuversicht? Hoffnung ist der goldene Schlüssel, der dem Herzen die