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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1888-04-01 · Heft 4 (1.4.1888) · p. Seite 84

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
8 (1888)
Issue
Heft 4 (1.4.1888)
Date
1888-04-01
Page
Seite 84 (sequence 12)
Language
German
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84 keinen Moment, daß den Andächtigen Zeit geboten wäre, müßig zu verweilen. Sollten wir Juden, die wir alles haben, einen wahrhaft erhebenden Gottesdienst einzurichten, an diesem alten Schlendrian festhalten müssen? Verbietet das Judentum eine zeitgemäße Reform? Ich scheute keine Mühe und begann, soweit die Zeit es mir gestattete, mit dem Studium der Geschichte der jüdischen Ccremonien mich zu beschäftigen und fand, daß in der Form der Gottesdienst in der Kirche dem ursprünglichen jüdischen Gottesdienst sogar viel näher steht als der in der Synagoge. Unsre Ahnen haben das Zerrbild des Ghetto in der Synagoge eingeführt und wir verehren es heute noch, obgleich es unser besseres Gefühl verletzt. Sollte ich allein dastehen mit meiner Ansicht? fragte ich mich und begann nach den Vertretern der Gemeinde, nach den Repräsentanten der jüdischen Vereine zu forschen. Hier stieß ich auf den eigentlichen wunden Punkt, an dem das Judentum krankt. Da saß der eine Vorsteher am Sabbat in seinem Büreau, rauchte gemütlich seine Cigarre. Das muß ein Mann sein, der über alles sich bereits hinweggesetzt hat, und der ist Vorsteher einer jüdischen Gemeinde? Welch Wunder! Der Mann ist ein Repräsentant der streng orthodoxen Richtung, der keinen Punkt aus dem Gebetbuch streichen läßt. Das war ein Rätsel, das gelöst werden mußte. Ich suchte den Präses dieser großen Gemeinde auf. Da fand ich mit großen Lettern an der Thür geschrieben: „Gesuche sind in der Gemeinde- Kanzlei rc. rc. abzugeben." Derartige Mesusoths waren bei den früheren Vorstehern der Gemeinde nicht zu finden. Das scheint ein moderner Hauch zu sein. Mesusoths in deutschen Lettern. Wie erstaunt war ich jedoch, als mir eine echte alte Ghettogestalt entgegentrat, ein Mann, an dem jeder Gesichtszug den Namen Jude trägt. — Ein Mann ohne Energie, ohne Thatkraft, der Spielball seiner Kreaturen. „Ich wäre für zeitgemäße Reform, aber — wir haben Elemente im Vorstande, die um jeden Preis opponieren müssen." Die Antwort hat mir genügt. Die Zustände in der kleinen Genieinde spiegeln sich in der großen Gemeinde ab. So ging ich von Vorstand zu Vorstand, von einer Vereinskanzlei in die andre und gewann einen tiefen Einblick in die verworrenen Zustände. Vor Jahren fühlten sich die Häupter der Judenschaft geehrt, wenn ihnen ein Sitz in der Repräsentanz einer Gemeinde angeboten wurde, heute senden sie ihre Büreaubeamten in den Vorstand und haben noch ein Büreau für jüdische Angelegenheit. Lange währt's nicht mehr und diese Büreaubeamten werden .es unter ihrer Würde halten, dem Vorstand anzugehören. Werden doch heute bereits in den Vorstand der ersten jüdischen Vereine die untergeordnetsten Beamten gewählt, um nur die Verbindung mit dem Geschäftshaus zu haben. „Der Ton, der in den jüdischen Vereinen platzgreift, macht es den bessern Juden unmöglich, mitzuwirken," sagte eine tüchtige und hervorragende Persönlichkeit. Die Folgen zeigen sich klar. Wir gehen bei gesundem Leibe zu Grunde, die Judenheit verkümmert, doch das Judentum kann nicht untergehen. Der Bodensatz wächst an und das geläuterte jüdische Element besitzt keine Unterlage, sich fortzuentwickeln. Der mächtige Wall, den das Ghetto aufgeworfen, trennt uns von der Gemeinde, verrammelt uns den Weg in die Synagoge. So lost sich los Stein von Stein. Schon in den Schulen ertvacht in der kindlichen Brust das sittlich-religiöse Gefühl und findet keine Befriedigung. Das Gotteshaus ist ihm entfremdet, und wir wundern uns, wenn die Sehnsucht nach zeitgemäßer Reform platzgreift

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