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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1888-04-01 · Heft 4 (1.4.1888) · p. Seite 83

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
8 (1888)
Issue
Heft 4 (1.4.1888)
Date
1888-04-01
Page
Seite 83 (sequence 11)
Language
German
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83 Anders gestaltete sich das Verhältnis an der Universität. Wir waren Christen und Juden durch acht Jahre an einander gewöhnt; wir waren Freunde geworden. Von Gegensätzen war keine Spur vorhanden. Aber die Gefühle der ersten echt jüdischen Erziehung wollten nicht erblassen, die Liebe zum Judentum, zn seiner hohen Mission, das Licht der Völker zu werden, war immer mächtiger geworden und die Sehnsucht, als Jude der Gemeinde anzugehören, wollte befriedigt sein, wenn nur die ersten Eindrücke, die ich aus der Landgemeinde erhalten, nicht immer wieder zum Vorschein gekommen wären. Was wollten diese! Ich drängte gewaltsam sie zurück, und eine Reihe jüdischer Kollegen faßten mit mir den Entschluß, den jüdischen Interessen der Hauptgemeinde unsere Aufmerksamkeit zuzuwenden. An der Spitze dieser Gemeinde standen dereinst Männer von Ansehen, die ersten Häupter der jüdischen Intelligenz. Zahllose Wohlthätigkeitsanstalten und Stiftungen zeigten von der großartigen Munifizenz der edlen Mitglieder dieser Gemeinde. Die Jahresberichte der einzelnen Anstalten und Vereine wurden uns vorgelegt, und wie schön nialten wir uns im Geiste dieses Gemeindewesen! Wir traten heran und wollten Mitwirken. Die Studienjahre gestatteten nicht, fleißig die Synagoge zu besuchen. An den hohen Feiertagen mußte um Geld ein Plätzchen für die Andacht erkauft werden; und Geld ist ein gar seltenes Ding für Studenten. Wir waren somit der Synagoge entfremdet worden. Aber die Gefühle, die die erste Erziehung wachgerufen, lebten fort. Nur unsere Ideale, unsre Anschauungen waren geläutert, sie waren andere geworden. Der Einfluß des Studiums der Geschichte, der verschiedenen Fachwissenschaften und besonders die Entwicklungsgeschichte der philosophischen Erkenntnis hat die Denkfertigkeit ausgebildet und dem Geiste eine selbständige Richtung gegeben. Die Jugendträume traten zirrück und wie durch einen dichten Nebel drängte sich der erste Strahl des klaren Lichtes und das bessere Sein breitete sich aus vor dem zersetzenden geistigen Blick. Allein mit unseren Anschauungen, mit unserni Bilde von der Hoheit des Glaubensbekenntnisses des Judentums, wollte der Gottesdienst nicht übereinstimmen. Mir wenigstens kam es vor, daß ich im Tempel der kleinen Landgemeinde tväre, nur mit dem Unterschiede, daß in diesem großen Tempel der alte Stoff der Andacht in ein Schaustück umgeformt worden wäre. Weiß der Himmel, mich konnte tveder Chor, noch Kantor, noch das bunte Gemisch von Stimmen der zahllosen Andächtigen andächtig stimmen. Dort sah ich die Tempeldiener Ordnung schaffen, an anderen Punkten die Herren gemütlich konvcrsiren. Der Eine stand, der Andere saß, der Dritte schüttelte den Kopf und machte erbärmliche Geberden. Ist das das Ebenbild Gottes? fragte ich mich, und ist das die Stimmung der Andacht? Ich war ilnzufriedener als früher, und doch wollte ich cs nicht unterlassen, diese Stätte, von der es heißen sollte: „Wie furchtbar ist dieser Ort, es ist nicht anders, das ist Gottes Haus" — wieder aufzusuchen. Ich konnte nicht befriedigt sein, und ich mußte mir sagen, daß es mir oft vorkommt, als stünde ich in einem Geschäftshause, wo Geschäfte abgewickelt werden; daß ich nicht selten wieder mich in einen Concertsaal versetzt glaubte. Nach diesen Erfahrungen trieb mich die Neugier in die Kirche. Ich konnte mit bestem Willen nicht anders, als mir zn sagen, hier herrscht Andacht. Aus allen Kehlen floß einstiminig und harmonisch dasselbe Wort, alle Blicke waren auf denselben Punkt gerichtet, der Geist aller weilte bei dem einen Gedanken. Wohl sah man Sammelbüchseri, wohl tvurden die Andächtigen zur Spende anfgefordert, aber die Form war annehmbar. Ich fand

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