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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1888-04-01 · Heft 4 (1.4.1888) · p. Seite 82

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
8 (1888)
Issue
Heft 4 (1.4.1888)
Date
1888-04-01
Page
Seite 82 (sequence 10)
Language
German
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82 mürrischen Blick des wohlhabenden Gemeindevorstehers bemerkte, war mir nicht wohl zu Mute. Die Herren Vorsteher — dachte ich mir immer — haben schon vergessen an die Pflichten, die das Judentum bei seinen Gläubigern voraussetzt. Niedergedrückt kehrte ich zu meinem Vater zurück, er sah mich an und schwieg. Wenn ich dann am Abend allein mit meiner Mutter war, erzählte sie mir so manches von der schönen, alten Zeit, da die Juden es für die größte Ehre hielten, einen solchen Gelehrten im Hause bewirten zu können. Die Zeit sei jetzt anders geworden, der moderne Anstrich von Kultnrstaub verwirft das Alte, Ehrwürdige, und das Neue besitze nicht das Ansehen und die Kraft, Ehrfurcht zu erzeugen. Ich hörte ruhig alles an und ihre Geschichtchen und Erzählungen ließen mich die traurigen Erfahrungen vergessen. Aber der Gegensatz zwischen Jndentuni und Juden war vorhanden; die ersten Keime dazu gingen auf, als ich das Elternhaus verließ, um am Gymnasium meine Studien zu beginnen. Hier, wo wir Juden und Christen uns zusammenfanden, wo das hohe Streben, der Fleiß, die Anlage gewürdigt, die Leistungen ohne Unterschied der Konfession klassifiziert wurden, habe ich das niedrige und kleinliche Gebühren der Repräsentanten einer jüdische» Landgemeinde vergessen. Aber immerhin fühlte ich mich mehr zu den christlichen Kollegen hinzugezogen, schon deshalb, um das Ghetto ins Schullokal nicht einzuführen. In der Religionsschule, wo wir Juden uns zusammenfanden unter Leitung des Religionslehrers, mahnte so manches mich an das Treiben in der Synagoge meiner Heimatsgemeinde; aber was Kinder treiben, hat doch nur den Anstrich von Jugendstreichen, wenn nur nicht der Religionslehrer durch sein Wesen, durch seine Aussprache, durch sein taktloses Auftreten den Mutwillen herausgefordert hätte. Gewiß ist es, daß auch so nianchein Lehrer an der Mittelschule vieles zu einer tüchtigen Lehrkraft fehlt, aber er zeigt in seinem Wesen nichts, was das jüdische Kind der bessern Kreise unangenehm berührt. Menschliche Schwächen, denen wir alltäglich begegnen, übersehen wir leicht. Nicht so die Natur des Kindes, die dieselben rücksichtslos behandelt, wenn der Lehrer durch sein Wissen und seinen pädagogischen Ernst sich nicht überlegen zeigt. Hierin liegt eben die Achillesferse des jüdischen Lehrers. In seiner Aussprache, in seinem Benehmen findet das Kind gewisse Unterschiede, die ihn vom Lehrkörper trennen. Mag er noch so tüchtig in seinem Fache sein, er wird das Ansehen des Lehrerstandes bei den Schülern nur herabdrücken und macht es jungen, tüchtigen jüdischen Lehrern unmöglich, sich zu behaupten. Das ist ein Krebsübel, das jüdischen erziehenden Kräften der Weg in die Staatsanstalten versperrt. Das Vorurteil wurde von den jüdischen Religionslehrern ausgebildet und besteht fort. Und nur dadurch, daß gediegene Lehrkräfte als Religionslehrer in die Mittelschulen geschickt werden, wird es möglich sein, nach und nach dieses Vorurteil zu heben; niemals aber dadurch, daß jüdische Mittelschulen creirt worden. Wir hatten in unsrer Schule tüchtige Lehrkräfte, von denen Viele Furcht und Ehrfurcht erzeugten, Viele, die trotz ihrer Liebenswürdigkeit durch ihre Haltung, durch ihr Wissen von den Schülern hochgehalten und verehrt wurden. Dagegen gab es so manchen, dem der durch geistiige Bildung erzeugte Seelenadel fehlte. Wie oft mußten gerade wir Juden diesen rohen Lebenszug eines solchen Lehrers fühlen. Was dieser uns mitunter sagte, erzeugte das Gefühl der Erbitterung und wir wurden oft nachsichtiger gegen nnsern Religionslehrer, der leider in jeder Beziehung den Professoren nachstand.

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