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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1888-04-01 · Heft 4 (1.4.1888) · p. Seite 81

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
8 (1888)
Issue
Heft 4 (1.4.1888)
Date
1888-04-01
Page
Seite 81 (sequence 9)
Language
German
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81 und Gebräuche wachten am häuslichen Herde. Doch die Zeit begann mit ihren Ansprüchen einzudringen in das jüdische Familienleben und die Erziehung umzugestalten. In jener Zeit, da die Freiheit in der Brust der jüdischen Bevölkerung zu erwachen begann, wurde ich geboren. Die Fesseln, die Jahrhunderte geschmiedet, die Gegensätze, die sich in langen Zeiträumen ausgebildet, sollten fallen. Das Alte, Ehrwürdige sollte ein neues Gewand anlegen, das ewig Junge im modernen Lichte erblühen. Und wie ganz anders ist es geworden! Kaum erwacht aus dem süßen, kindlichen Schlafe wurde ich in das Gotteshaus geführt. Die Andacht sollte mein Gemüt erhaben stimmen, meinen Geist einführen in die Erkenntnis des Einen Einzigen. Denn kaum daß ich zu lallen aufgehört, erhielt ich in einem Satze das Glaubensbekenntnis. Ich habe wohl-nicht den inhaltschweren, bedeutungsvollen Satz: „Höre Israel, der Ewige unser Gott ist ein einig einziges Wesen" — verstanden; um so geheimnisvoller zuckte es in meinem Innern, wenn ich diese Worte aussprach. Wie wunderbar schön war im häuslichen Leben alles berechnet, das Gemüt zu beleben, und wie furchtbar enttäuschend wirkte das Treiben im Gotteshaus. Wenn ich mit meinem jüdischen Herzen, mit meinem durch gebildeten Gemüte vor der Kirche vorbeikam. konnte ich stundenlang lauschen nach dem dumpfen Orgelton, nach dem Gesang der Andächtigen. Wohl rief eine Stimme in mir: „Das ist nicht recht" — und doch stand ich da wie angenagelt. Warum haben wir nicht auch einen so erhebenden Gottesdienst, fragte ich mich im Stillen, und versuchte, alle Gefühle zu unterdrücken. Trotzdem versäumte ich nie den Gottesdienst in der Synagoge. Ich betete für mich und war andächtig, aber unzufrieden. Da gab es noch zerrüttete Zustände in der Gemeinde und Privatgehässigkeiten wurden in der Synagoge ausgetragen. Daß der Gottesdienst selbst so eingerichtet sei, daß er die Handhabe dazu bietet, berührte mich sehr unangenehm. Wie ganz anders wirkte das häusliche Leben, und wie ganz anders das Gemeindewesen. Dort wurdeil die schönsten Gefühle wachgerufen, die der Phantasie das Material lieferten zu kindlichen Träumen, da zerstörte das häßliche Getriebe der gemeinen Leidenschaft der verwilderten Natur alle zarten Regungen und Empörung erwachte in meinem Innern nicht gegen das Heilige, sondern gegen die, die es entweihen. Da gab es Zank und Streit und blutige Köpfe, aber kein Gefühl für Andacht, keine Ehrfurcht für das ehrwürdige Oberhaupt der Gemeinde. Wenn der Pfarrer durch die Straßen ging, eilte Groß und Klein auf ihn zu, nm ihm ehrerbietig die Hand zu küssen, während die Juden beit greisen, gutmütigen Rabbiner im Tempel beschimpften, weil er nicht zum Mittel ihrer Privatgehässigkeit sich gebrauchen lassen wollte. Das sah ich als Kind und doch konnten nicht diese trüben Eindrücke das Werk der guten häuslichen Erziehung zerstören. Ich lernte früh Judentum und Juden trennen. Im Elternhause erschienen zu jener Zeit häufig alte ehrwürdige Rabbiner aus Nah und Fern. Zu diesen Gestalten blickte ich mit Scheu und Ehrfurcht empor. Die Aufnahme, die diese Männer im elternlichen Hause fanden, wirkte auf mich. Und als ich später von der Gastfreundschaft tu der Bibel las, erschien mir dies als etwas Notwendiges, das unzertrennlich mit dem Geiste des Judentums verbunden. Allein, wenn ich im Aufträge meines Vaters einen solchen Mann zu einem Repräsentanten der Gemeinde begleiten niußte und den

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