Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 8 (1888)
- Issue
- Heft 4 (1.4.1888)
- Date
- 1888-04-01
- Page
- Seite 80 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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80 lichen Verehrung des Stoffes und der Fleischeslust, die getauften Völker haben bisher nur einen Versuch gemacht, christlich zu sein, und das wahre Christentum wird erst an dem Tage auf Erden erscheinen, da Israel seine flammende Glaubenstreue und seine unbezähmbare Thatkraft dem Christentume weihen wird. Die christlichen Nationen sollten doch, anstatt den Fehlern der Juden nachzuspüren, sich sie in ihren Beziehungen zu einander und in ihrer Glaubenstreue zum Muster nehmen. Wir hoffen, daß diese christlichen Stimmen in christlichen Kreisen nicht leer verhallen werden und verweisen hier am Schluffe noch auf die Zeitschrift „Christliche Apologete", welche in Cincinnatti erscheint, woselbst in einem Artikel „Christentum und Antisemitismus", der Antisemitismus von dem berühmten amerikanischen Kanzelredner Theodor Odinga eine Verurteilung erfahren hat, die um so bedeutsamer ist, als genanntes Blatt über 60,000 Abonnenten zählt und officielles Organ der „Deutschen Missionsgesellschaft der Bischöflichen Methodistenkirche" ist, und auf Herrn Professor Jürgen Bona Meyer in Bonn, der in seinen „Problemen der Lebensweisheit" ebenfalls den Antisemitismus verdammt und den bedeutungsvollen Satz ausspricht: „Mich wundert schon lange, daß aus ihrer (der Juden) Mitte nicht ein Mann aufstand, der den Mut hatte, gerade dies offen auszusprechen und den in ihrein eigenen Glauben so zerfahrenen Christen mit Siegesgefühl den einfachen jüdischen Gottesglauben, als die einzig wahre Religion, gegenüberzustellen und die Christen zur Rückkehr zu diesem Glauben aufzurufen." Aus der Wappe eines österreichischen Studenten. Wundervoll wirken die Erinnerungen aus dem altehrwürdigen, echt jüdischen Familienleben auf das Gemüt. Sie wollen nicht untergehen im Strome des Vergänglichen, sie tauchen auf und wieder gehen über sie hinweg die hohen Wogen der modernen Zeitrichtung. Unsre Wiege war nicht in Palästen gestanden; uns wurde nicht auf Sammt und Seide gebettet. Das große Aufgebot von erziehenden und dienenden Personen kannten unsre Eltern nicht. Wohl waren auch sie mitunter wohlhabend, wohl standen auch ihnen die Mittel zu Gebote, ein Heer von dienstbaren Geistern um sich zu sammeln, aber die Zeiten waren ernst, der Kreis der Freunde beschränkt und mit diesen mußte man rechnen. Da wurde der Haushalt nicht standesgemäß eingerichtet, sondern dem Kreise der Freunde entsprechend. Wenn am Vorabend des Sabbats der Vater in das hellbeleuchtete Zimmer trat, da gab es keinen Unterschied, ob wohlhabend oder arm, ein Gefühl zog durch die Mauern des Ghetto, ein Gedanke kehrte ein in die Familien des heimatlosen Volkes. Sie alle waren Juden; dieselbe Sehnsucht und dieselbe Hoffnung umschlang sie innig und fest. Und es begann zu dämmern. Die Zeit der Emanzipation warf ihre ersten Lichtstrahlen in das Ghetto und langsam löste sich das durch Jahrhunderte festgeschlungene Band der Zusammengehörigkeit. Roch brannten die Sabbatlichter traulich, noch fanden sich Reiche und Arme zusammen im gemeinsanien Gotteshaus, noch nicht stand der Wächter vor den Thoren der wohlhabenden Juden. Ihr Herz war dasselbe, die alten Sitten