Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 8 (1888)
- Issue
- Heft 4 (1.4.1888)
- Date
- 1888-04-01
- Page
- Seite 76 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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hält in zwei vor Kurzem erschienenen Nummern einen Aufsatz, welcher den Antisemitismus von« historischen, ethischen und juridischen Standpunkte aus beleuchtet; eine gediegene Arbeit, die ebenso tiefe Gelehrsamkeit als ehrliche Überzeugung bekundet. Zwar ist der Verfasser der Studie nichts weniger als ein Judenfreund und er bekennt dies auch ganz offen und unumwunden. Nichtsdestoweniger hat er sich trotz seiner unleugbaren Gegnerschaft zum Judentume, Objektivität und Wahrheitsliebe genug bewahrt, um ein unparteiisches Urteil über ben Antisemitismus fällen zu können. In welcher Weise dies geschieht, mögen einige Stellen darthun. Indem der Verfasser den Antisemitismus kurzweg als eme „nicht gerechtfertigte, nebelhafte, ziel- und zwecklose Agitation" bezeichnet, sagt er unter anderem: „Die Antisemiten verwahren sich wider die Zumutung, das religiöse Bekenntnis einer Kritik zu unterziehen und erklären, daß sie es nicht mit dem Glaubensinhalt, sondern lediglich mit der Race zu thun hätten. Diese Erklärung hindert sie aber nicht über den Talmud herzufallen. Man sucht eben nach allem, was als Waffe benützt werden kann. Die Abwehr fällt aber den Angegriffenen ziemlich leicht. Sie berufen sich auf den einzig wichtigen Teil ihrer Religionsbücher, auf denjenigen, den sie mit dem Christen gemein haben — auf die Gutheißung ihres vorchristlichen Gesetzes durch den Messias selbst. In der That hatten die Antisemiten mit ihrer literarischen Bekämpfung jüdischer Religionsvorschriften entschiedenes Unglück. Umsomehr, als die Schriften, auf die man sich beruft, sich auf keine' göttliche Offenbarung nud überhaupt auf keine allgemein gütige Autorität stützen. Die Stellung, welche der Jude zum Talmud einnimmt, hängt von seinem subjektiven Ermessen ab. Es gibt keine höhere Sanktion, welcher sich der Talmud zu erfreuen hätte. Mit dem Racenhaß hat es aber eine besondere Bewandnis und wer mit der historischen Untersuchung in dieser Richtung vertraut ist, kann Wunderdinge darüber berichten. Der Racenhaß scheint in beständigem Flusse begriffen. Heute entsteht er, um morgen, wie ein an den Bergen hinkriechender Nebel, zu verflattern. — Nein, der Racenhaß ist nicht der ideale Stoff, aus dem sich antijüdische Gesetze zuschneiden lassen und Georg Ritter von Schönerer hat feinen glücklichen Griff gethan, als er die Race für Trumpf erklärte. Der Jude, sagt man, widme sich mit Vorliebe dem Handel statt dem Handwerksbetrieb und dem Ackerbau. Was folgt daraus? Doch nicht, daß man den Juden gewaltsam zum Betriebe eines Handwerks oder der Bestellung des Ackers verhalten müsse? Wenn wir einmal so weit sind, das Volk in Kasten einzuteilen und mit souveränem Selbstgenügen diejenigen, welche uns ihrer krummen Nasen, ihres jüdischen Jargons willen mißfallen, unter die Parias einzureihen, dann gute Nacht abendländische Bildung! Wollten wir die Judensöhne an dem Besuche der höheren Schulen hindern, wir würden den gleichen Tadel mit dem abtrünnigen Julian verdienen, der die Christen vom höheren Unterrichte ausschloß. Erstreckt sich der Horror der Antisemiten auch auf Araber und Türken? Auch auf alles und alle, die nicht zur arischen Race zählen? — Wir müßten uns sehr irren, wenn das der Fall wäre, und besorgen, daß die Mehrzahl der Antisemiten nicht einmal die nötigen anthropologischen Studien gemacht habe, um unsere Frage gewissenhaft und bündig zu beantworten." „Wir können", — so schließt der Artikel — „der antisemitischen Argumentation keinen Geschmack abgewinnen, aber nicht nur darum, weil wir sie für falsch und inkonsequent, sondern noch viel mehr, weil wir sie für unchristlich und unsittlich halten, weil sie auf das Gegenteil der christlichen Lehre, auf Unbarmherzigkeit und Lieblosigkeit hinausläuft."