Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 8 (1888)
- Issue
- Heft 3 (1.3.1888)
- Date
- 1888-03-01
- Page
- Seite 59 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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59 hat er im Sinne und Geiste seiner Zeit sich Ausschmückungen erlaubt, durch die aber der Inhalt nicht geändert, oder doch nur unwesentlich modificirt wurde. Abweichungen der letztgenannten Art sind die eingeflochtenen, mitunter ziemlich langen Reden, welche die einzelnen Personen bei passenden oder unpassenden Gelegenheiten halten. Potiphars Frau bringt in wohlgesetzer Rede ihrem Manne die Klage gegen Joseph vor, Judas Ansprache an Joseph behufs Freilassung Benjamins ist wohl um das fünffache gegen die biblische Darstellung erweitert. Simri, der Fürst des Stammes Simeon, der frech die Gesetze verhöhnt, hält eine anmaßende Rede, in welcher er die Gründe auseinandersetzt, die ihn und seine Gesinnungsgenossen bewegen, Moses und seinen despotischen Anordnungen nicht länger zu gehorchen. Moses, Josua, David, Salomo, verschiedene andere Könige, Fürsten und Propheten machen ebenfalls in langatmigen, manchmal recht gelungenen Reden uns mit ihren Absichten vor deren Ausführung bekannt, allgemeine Betrachtungen über Tugenden und Laster, über Schicksale der Menschen, über den Einfluß vom Glück und Unglück auf die Entwickelung des Charakters, über Zweckmäßigkeit verschiedener Staatsformen und dergleichen kommen in großer Menge vor. Die Gründe für die Ritualgesetze werden bisweilen nach der in den palästinensischeu Lehrhäusern üblich gewesenen Deutung, die dann später im Talmud ihre Stelle gefunden hat, größtenteils aber nach den in der hellenistischen Schriften enthaltenen Erklärungen wiedergegeben; letzteres geschieht hauptsächlich bei Besprechung der Opfer und der einzelnen Bestandteile des Stiftszeltes. Hier bietet sich günstige Gelegenheit dar, die trockenen biblischen Anordnungen durch allegorische Juterpretationen zu verherrlichen und sie als Ausfluß einer erhabenen, göttlichen Weisheit zu bezeichnen, und solche Gelegenheit läßt Josephus selbstverständlich nicht unbenutzt. Da er wie sich mit Sicherheit Nachweisen läßt, den hebräischen Bibeltext und gleichzeitig die griechische Uebersetzung der Septuaginta vor sich hatte und in der heil. Schrift, namentlich in der Geschichte der Könige, sich vielfache Parallelstellen finden, so ergänzt Josephus das, was in dem einen Berichte mangelhaft oder unklar ist, mit Hülfe des anderen, ohne sich an ein bestiinintes Princip zu halten, dabei kommt es aber nicht selten vor, daß er an der besseren und ursprünglichen Quelle vorbeigeht und aus der abgeleiteten und getrübten schöpft. Ueber das Schicksal des Königs Jojakim von Juda z. B. haben wir zwei verschiedene Darstellungen: Im Buche der Könige heißt es: er entschlief zu seinen Vätern und sein Sohn Jojakim ward König an seiner Statt; im Buche der Chronik wird erzählt, Nebukadnezar habe ihn gefesselt nach Babylon geführt. In Verlegenheit, welcher Relation er Glauben schenken und für die richtige halten soll, erinnert sich Josephus, daß der Prophet Jeremias in dem seinen Namen tragenden Buche (22, 19) die drohende Prophezeihung gegen Jojakim ausgesprochen: man wird über ihn nicht wehklagend ausrufen: wehe mein Bruder, wehe meine Schwester, wehe Gebieter, und wehe seine Herrlichkeit; wie man einen Esel verscharrt, wird er begraben werden, geschleift und hingeworfen, weit hinweg von den Thoren Jerusalems." Um nun des Propheten Wort zu Ehren zu bringen, erzählt er deshalb, Nebukadnezar ließ den König Jojakim umbringen und ohne Begräbniß vor die Mauern werfen.