Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 8 (1888)
- Issue
- Heft 3 (1.3.1888)
- Date
- 1888-03-01
- Page
- Seite 57 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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57 Talmuds vielfach und öfters mit unvergleichlicher Schärfe angewendet zu werden pflegt; ja es werden darin manchmal Fragen aufgeworfen nicht eines materiellen, sondern eines formalen Zweckes willen, um die Urteilskraft zu schärfen, wie es ausdrücklich dabei heißt. Der Talmud ist ein Werk, das in seinen zahllosen Discussionen, Kontroversen und Dialogen von der Fragform in deren verschiedensten Arten gleichsam beherrscht wird, und so muß sein Studium eine gute Vorschule bilden für die Anwendung der sokratischen Methode. Es war im Jahre 1879 bei Gelegenheit der 150jährigen Gedächtnißfeier Lessing-Mendelssohns, als ich in der „Jsr. Wochenschrift" den Einfluß Mendelssohns auf die pädagogische Methodik nachgewiesen habe, und ich erlaube mir hierzu die Bemerkung zu machen, daß, obgleich dieser Einfluß von Bedeutsamkeit, Wichtigkeit und Nachhaltigkeit war, man denselben bis dahin zwar in pädagogischen Werken aber nicht in für das Publikum bestimmten Zeitschriften zu lesen bekommen hatte; und so mochte ich vielleicht der erste gewesen sein, der öffentlich auch auf dieses Verdienst Mendelssohns aufmerksam gemacht und zur Vervollständigung der öffentlichen Charakteristik beigetragen habe. Man wird aber vielleicht einwenden, Mendelssohn habe seinen Phädon nur für Erwachsene nicht aber für Schulkinder geschrieben, an den Volksschulunterricht habe er folglich nicht dabei gedacht. Allein lehrt uns denn nicht die Geschichte, daß aus dem edlen Streben und Wirken weiser, ihr Zeitalter überragender Männer oftmals Wirkungen für Mit- und Nachwelt hervorgegangen, an die sie gar nicht gedacht, und Ziele erreicht worden sind, die ihrem Geiste gar nicht vorgeschwebt und die sie gar nicht beabsichtigt hatten? Und dennoch bleiben diese ihr Verdienst, das ihnen niemand streitig machen wird. Ebenso ergeht es unserm Mendelssohn in Betreff der Umänderung und Verbesserung der Lehrform in den Schulen. — Noch mehr. Die Argumente, die Mendelssohn in feinem Phädon zur Begründung der Unsterblichkeitslehre vorgebracht hat, nänilich: die Einfachheit der Seele und die in unsere Brust gesenkte Hoffnung auf Unsterblichkeit, sind bekanntlich schon nach einiger Zeit angegriffen und erschüttert worden, während die Wirkungen, die er in den Schulen hervorgerufen, noch heute fortdauern. Zwar ist schon öfters vom Standpunkte der christlichen Orthodoxie gegen die Anwendung der sokratischen Methode beim Religionsunterricht opponiert worden, doch nur, um diese auf einen von ihr vorgezeichneten bestimmten Umfang zu beschränken, wie dies aus Palmer's evangelischer Katechetik ersichtlich ist. — Auch Pestalozzi hat gegen das Sokratisieren Einsprache gethan, doch nur gegen die falsche Meinung, als ob schon alle religiöse Erkenntnis embryonisch in den Kindern liege und es nur darauf ankomme, daß sie Jemand durch die Lehrkunst zuin Erscheinen in der Rede bringe. Das Sokratisieren soll nicht allzufrühe mit den Kindern vorgenommen werden, sondern nur dann erst, wenn diese reif dazu geworden, wenn sie einen geniigenden Hintergrund von Gehörtem, Geschehenem, im Leben Beobachteten, durch Erziehung und Unterricht in sich Aufgenommenen besitzen, wenn sie insbesondere mit der Kenntnis der biblischen Geschichte hinlänglich vertrant sind.*) Es handelt sich demnach hier bloß um die richtige Anwendung der sokratischen Methode in den Schulen, von einer gänzlichen Entfernung aus denselben ist keine Rede und wird auch nie eine *) Selbstverständlich muß eine Katechisation öfters durch eingelegte in zusammenhängender sakroamatischer) Lehrform vorgetragene Anreden unterbrochen werden, um besonders auf das Gefühl der Kinder einzuwirken.