Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 8 (1888)
- Issue
- Heft 3 (1.3.1888)
- Date
- 1888-03-01
- Page
- Seite 56 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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56 und Geschicklichkeit zur praktischen Anwendung gebracht hat, der muß von dem hohen Werte derselben für die sittlich-religiöse Jugendbildung überzeugt und erfüllt werden, indem er sich sehr bald der guten Früchte zu erfreuen hat, die sie bei den ihm anvertrauten Kindern zu erzeugen vermochte. Denn diese gewöhnt das Kind zum Selbstdenken, befördert seine Aufmerksamkeit umsomehr, je mehr es hier die Vorstellungen und Ideen nicht bloß empfängt, sondern selbst bearbeitet, stärkt sein Gedächtnis, weil es bei ihr weniger im Buche findet und deßhalb destomehr im Kopfe führen muß, und befestigt seine Ueberzeugung, weil es hier die Wahrheiten selbstthätig aus ihren Beweisen entwickelt, folglich erst diese durchschauen muß, ehe es jene findet. Ebenso ist sie geeignet, das sittlichreligiöse Gefühl zu entwickeln, zu beleben und dem Willen eine feste Richtung auf das Wahre und Gute zu geben. Und wenn nicht blos die Mitteilung gewisser Kenntnisse, sondern auch die harmonische Hebung und Bildung der Kraft Zweck des Unterrichts ist, so muß die echte Sokratik diesen Zweck weit vollkommener erreichen als eine Methode, die darauf ausgeht, das ganze Unterrichtswesen zu mechanisieren. Die sokratische Methode klärt im Kinde auch immer mehr sein Selbstbewußtsein, und dadurch regt sich in ihm immermehr das Bestreben nach Selbstvervollkommnung. — Fragen wir, welchen Verlauf diese so wichtige Methode im Schulwesen genommen habe, so führt uns dies auf den Namen des großen Moses Mendelssohn. Denn wie aus der Geschichte der Pädagogik, die uns die Phasen der Entwickelung derselben berichtet, hervorgeht, hatte die unterrichtliche Frageform bis ins vorige Jahrhundert hinein keine Ausbildung in den Schulen gefunden und keine Fortschritte gemacht. Erst durch Mosheim (gest. 1755) that sie einen Schritt weiter. Sowie man Mosheim den Vater der neuern deutschen Kanzelberedsamkeit nennt, so kann man ihn auch den Vater der Sokratik nennen, d. h. jener Kunst, welche beim Jugendunterricht bestrebt ist, den Kindern die Begriffe und Urteile in Worten und Sätze nicht zu geben, sondern sie ihnen zu entlocken, d. h. die Begriffe und Urteile durch geschickt angelegte Fragen von den Kindern selbst erzeugen und finden zu lassen. Mosheim, der in seiner „Sittenlehre der heiligen Schrift" seine methodischen Ansichten anwendbar zu machen suchte, nahm sich dabei die Dialoge des Sokrates zum Vorbilde, — daher der Name Sokratik. Die Pädagogen nennen sie auch Heuristik (die Kunst des Aufsuchens, Hervorlockens). Allein die Bemühungen Mosheims und anderer gleichgesinnter Männer hatten nur geringen Erfolg. Nur wenige hatten Sinn und Verständnis für die sokratische Lehrform. Da erschien 1767 Mendelssohns „Phädon oder über die Unsterblichkeit der Seele" und hatte einen solchen großen Erfolg, daß er in allen Kreisen gelesen, ja verschlungen wurde, und daß er in wenigen Jahren mehrmals aufgelegt werden mußte. In diesen schönen, herzgewinnenden, geistentwickelnden und überzeugenden Dialogen hat Mendelssohn die dialogische Fragform mit einer wahren Meisterschaft gehandhabt und ausgebildet, und da hat man denn in pädagogischen Kreisen den Wert derselben für den Jugendunterricht kennen und schätzen gelernt und sich für die Sokratik be- S'stert, so daß diese allmählig das ganze Schulwesen beherrschte. — Man würde jedoch meines Erachtens sehr irren, wenn man annähme, Mendelssohn sei nur durch das Lesen der Dialoge des Plato zu dieser Meisterschaft gelangt; denn auch seine talmudischen Studien mögen viel dazu beigetragen haben. Die „Frage" wird in verschiedenen logischen und pädagogischen Schriften, je nach dem Einteilungsgrunde, verschieden eingeteilt. Dem sei wie ihm wolle. So viel steht fest, daß jede Art von Fragen auf jeden« Blatte des zwölf Folianten umfassenden