Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 8 (1888)
- Issue
- Heft 3 (1.3.1888)
- Date
- 1888-03-01
- Page
- Seite 53 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2969669-2969754-2969758--2204-2972378- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
53 Weltherrschaft sich erhoben hat, spricht euer Prophet. „Sie werden bauen und ich werde niederreißen!" Gebaut haben wir, unsere Städte sind reichbevölkert, unsere Festungen trotzen jedem Angriffe, zahllose Paläste schmucken die Hauptstadt der Welt, aber ein Zerstörer, der sie niedergerissen, ist in unseren Mauern nie erschienen. Was ist es nun mit solchen Verkündigungen eurer Seher, mit solchen eitlen Vorhersagungen, auf die ihr eure Hoffnungen setzt, wie willst du diese prophetische Verkündigung rechtfertigen, wie meine Frage beantworten? — Hast du die Stelle, die du mir zeigst, auch gelesen? versetzte hierauf R. Elieser? — Ich habe dir jetzt so lange meine Meinung über diesen Ausspruch auseinaudergesetzt, rief der Römer verwundert aus, und du kannst noch fragen, ob ich sie gelesen hätte? — Ich habe das nicht umsonst benierkt, erwiderte hierauf R. Elieser, das göttliche Wort, das als die Verkündigung der ewigen Wahrheit ausgezeichnet ist für die Geschlechter aller Zeitalter, das uns Mahnung und Belehrung vom Ewigen darbietet, die wir stets zu betrachten und zu beherzigen haben, das will doch wohl anders gelesen werden als das Wort der gewöhnlichen Menschenweisheit, die sich nur auf ärmliche Alltags-Erfahrungen stützt, stets von trüben Zweifeln umschattet ist und alle Wahrheit nur in mattem Wiederschein darzustellen vermag? — Nun, meinte der Römer, ich bin es einmal gewohnt, das geschriebene Wort nach seinem buchstäblichen Sinne aufzufassen; sollten aber in unserer Stelle noch tiefer liegende Andeutungen enthalten sein, so bin ich gerne bereit sie aus deinem Munde zu vernehmen. — Hättest du, antwortete hierauf R. Elieser, nicht, wie es bei euch zum Zwecke der Beweisführung zu geschehen pflegt, einzelne Worte aus dem Zusammenhänge gerissen, diesen Ausspruch, nur soweit er zu deiner Behauptung paßt, vorgetragen, sondern den Satz, auf welchen du hinweisest, auch ruhig zu Ende gelesen, nicht brauchtest du jetzt erst von mir die richtige Erklärung desselben zu erfahren. „Sie werden bauen und ich werde einreißen", heißt es da, „und Reich des Frevels wird man sie nennen, ein Volk, dem Gott allezeit zürnen muß". Wo Frevel und Gewaltthat herrschen, wo die Macht über dem Rechte steht, wo die Erhebung des einen durch die Unterdrückung des anderen herbeigeführt wird, da werden immer böse Ratschläge ersonnen, heimtückische Absichten genährt, verderbliche Pläne geschmiedet. Rom ist nur durch Eroberungen groß geworden, es hat mit den ehernen Waffen sich den Weg zur Herrschaft gebahnt, es muß, um zu bestehen, stets neue Kriege beginnen, es kann nur im Kampfe seine Machtstellung behaupten. „Durch dein Schwert wirst du leben", das ist seit alten Tagen Esau's Wahlspruch, für ihn der reichste Segen, in den Augen anderer der schwerste Fluch, der je ein Volk betreffen kann. Ihr könnt eine Lehre, die die wahre Gerechtigkeit verlangt, die das Gottesreich auf Erden gründen will, in welchem der Geist des Friedens alle Menschheit beseelt und vor dem Lichte der Gotteserkenntnis der finstere Haß aus den Herzen schwindet, nicht in eurer Mitte dulden und gegen Israel, den Träger dieser Lehre, richtet sich daher zunächst und zumeist die Verfolgungssucht, die euch verblendet. Nicht von eueren Palästen und Prachtbauten, nicht von eueren Rnhmespforten und Siegestempeln spricht der Prophet, den du Lügen strafen zu können vermeinst, die gönnen wir euch, um die beneiden wir euch nicht, die wird die Zeit schon zerstören, die über alle Schöpfungen menschlicher Macht siegreich hinwegschreitet und alles dem Gesetze der Vergänglichkeit unterwirft, gegen euere steinernen und marmornen Häuser braucht noch gar nicht Gott vom Himmel herabzustürmen. Nicht von diesen irdischen Bauwerken, die einst von selbst zerfallen, ist in unserem Gottesworte die Rede,