Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 8 (1888)
- Issue
- Heft 3 (1.3.1888)
- Date
- 1888-03-01
- Page
- Seite 50 (sequence 2)
- Language
- German
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50 rheinischen Stadt. Hier wetteiferten zahlreiche Studenten jüdischen Glaubens init einander, um einst als Rabbiner die geistige Emanzipation ihrer Stammesgenossen bewirken zu können. — Jn's praktische Leben zurückgekehrt, wirkte Cahn längere Zeit in privater Stellung, bis ihm die Mainzer israel. Religionsgemeinde 1834 ein ehrendes Amt übertrug, sodaß er ein eigenes Heim sich gründen konnte. Am 21. August 1844 verheirathete er sich mit der einzigen Tochter des badischen Bezirksrabbiners Salomon Fürst zu Heidelberg. — Im Jahre 1846 erwirkte Dr. Cahn die Einführung des israelitischen Religionsunterrichts als obligatorische Lehrdisziplin in Gynmasium und Realschule, nachdein er früher schon der Konfirmation, einer Neuerung des freisinnigen Judentums, in seiner Gemeinde Eingang verschafft hatte. Als im Jahre 1846 der Kreisrabbiner Leo Ellinger aus dem Leben geschieden war, verwaltete Cahn bis 1853 das Rabbinat selbständig, und von da ab bis 1866 war er neben Dr. Aub als zweiter Rabbiner thätig. In diesem Jahre folgte Aub einem ehrenvollen Rufe nach Berlin, und nun wurde durch Großherzogliches Dekret Di-. Cahn zum ersten Rabbiner von Mainz ernannt, als welcher er bis zu seiner 1880 erfolgten Pensionirung in Schule und Synagoge waltete. Ans seiner vielseitigen Berufsthätigkeit verdienen seine Bemühungen um Abschaffung des Eides moro judaico im Großherzogtum Hessen besonders hervorgehoben zu werden. Milde, Duldsamkeit, hochherziges Wohlthun und ächte Humanität waren hervorragende Tugenden Cahn's; sie erwarben ihm Liebe und Verehrung und befestigten das ihn mit lieben Freunden, zu welchen auch Berthold Auerbach zählte, so eng verknüpfende Band. — Cahn's Leben floß im Großen und Ganzen ruhig dahin, kaum bedroht von Stürmen und Unwettern; erst im hohen Alter nahete ihm eine tückische Krankheit, doch das Klima des Südens, der ruhige heitere Sinn des Patienten und die aufopferndste Pflege traten ihr wirksam entgegen, und dem lebenslustigen frohen Manne waren noch glückliche Jahre beschieden. Wir lassen zur Charakteristik des seel. Herrn Dr. Elias Cahn hier einige Sätze aus seiner am ersten Tage des Pesachfestes 1880 in der Hauptsynagoge zu Mainz gehaltenen Abschiedsrede folgen, die an die Worte des Propheten Micha: „Er hat dir kund gethan, o Mensch, was gut ist und was der Ewige von dir fordert, nur Recht thun und Liebe üben und demütig wandeln vor deinem Gotte" anknüpft. Er wirft in derselben die Frage auf: Was hat den intelligenten Teil unseres Volkes nicht nur in Deutschland, sondern in allen Kulturländern, besonders in unserem Jahrhundert der mannigfachen Umwälzungen, der materiellen und geistigen Kämpfe, unserem Glauben erhalten? und antwortet: Es war der Geist der Reform, des Fortschrittes und der religiösen Aufklärung. „Ihr Greise in Israel", ruft er aus, „werdet Euch noch mit mir erinnern, wie traurig es bei uns in Schule und Gotteshaus ausgesehen. Waren nicht unsere Schulen und Gotteshäuser zum „Gespötte und Sprichworte unter den Völkern" geworden? Ist es ja in den zwanziger Jahren unseres Jahrhunderts dahin gekommen, daß viele Männer, die dem Judentume zur Zierde gereicht hätten, leider den Glauben der Väter für immer den Rücken gekehrt? Da traten Männer von Geist, Herz und Wissen auf, welche, überzeugt von der Wahrheit und Lebensfähigkeit ihres angestammten Glaubens und durchdrungen von der Liebe zu ihrem Volke,,, Reformen in Schule und Gotteshaus einführten, die Mißbräuche und das sich Überlebte abschafften, statt des starren geistlosen Formenwesens zeitgemäße Einrichtungen trafen, die Muttersprache in's Gotteshaus einführten, dem Gesänge und der Musik wiederum ihr altes Recht einräumten und die deutsche Predigt zuni integrierenden Teil des Gottesdienstes