Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 8 (1888)
- Issue
- Heft 2 (1.2.1888)
- Date
- 1888-02-01
- Page
- Seite 37 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2969669-2969754-2969757--2187-2972360- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
37 Jüdisch - festliches. Unsere allgemeiuen Zeitverhältnisse legen in gewissem Sinne eine Betrachtung über die Lage des östlichen Judentums, des unter den slavischen und halbslavischen Stämmen wohnenden Teiles der Judenheit nahe. Allerdings müßte und dürfte das in etwas anderem Sinne geschehen, als einst Treitschke jene wohl heute von ihm mehr als je zu bedauernde Diskussion über die „unerschöpfliche polnische Wiege" eröffnete, aus der die Judenheit Deutschlands ihren Zuwachs erhalten soll. Die Tage der Rassenausspähuug und jenes trivialen Autisemitisnitts sind eben in dem Augenblick von selbst beseitigt, in dem sich die Völker Europas zu wirklich ernsten nationalen Kämpfen rüsten müssen, weil der bedrohliche slavische Despotismus gräuelvolle Tage heraufbeschwört. Da in dem großen Zarenreiche über 4 Millionen Inden leben, wird Niemand leugnen können, daß uns alle die hier berührte Frage lebhaft angeht. Man hat einen zwar trivialen, aber nicht unrichtigen Ausspruch „Wie es sich christelt, sö jüdelt es sich" — und nirgends trifft diese Charakteristik der Assimilation mehr zu als bei den Juden des halbasiatischen Ostens. So ist naturgemäß ein bedeutender Unterschied zwischen den aufgeklärten Juden Litauens, Kurlands n. s. w. und den galizischen Klienten des Wunderrabbrs von Sadagora, der jetzt von den klerikalen ultramontauen Zeitungen als „Papst der orthodoxen Judenheit" gelegentlich seiner dem Papste Leo abgestatteten Gratulation zum Priesterjubiläum gefeiert wird. Es sind eben germanische und slavische Einflüsse zu unterscheiden, die sich auf diesem Gebiete mitunter kreuzen. Für die Gegenwart haben, da Kultur und Fortschritt ebeil nur durch ernste Arbeit zu erreichen sind, schon Männer wie L. A. Frankl, Leop. Kompert und namentlich auch E. Franzos auf diesem Gebiet für die Gründlichkeit der Segensmission deutschen Einflusses auf den slavisch-jüdischen Osten Pivnierdienste verrichtet. Die drei Genannten sind Oesterreicher und haben naturgemäß vorwiegend Galizien und das an die österreichischen Kronländer angrenzende oder zu ihnen gehörende Grenzgebiet Halbasiens in Betracht gezogen. Wie steht es nun, genau betrachtet, mit dem polnischen, litauischen und weißrussischen Grenzgebiet, in dem die Juden in Städten und Flecke» mitllnter bis zu 86 Prozent der Bevölkerung ausmachen. Die deutsche Sprache, welche gerade die seit fünf Jahrhunderten hier wohnenden Juden beherrschen, ist hier das Bindemittel für eine Kultur geworden, welche Herrn von Treitschke, der ja auch in seinen „Politischen Streifzügen" über die Mission der Ostseelaude Rußlands geschrieben hat, noch einmal die „polnische Wiege" in anderm Lichte erscheinen lassen wird, als zu Beginn der „Stöckerei" vor einer jetzt noch nicht langer Frist. Ganz unparteiische Forscher (Roskoschny, Rußland II, 275) bestätigen die in gewissem Umfang ja längst bekannte, in Zukunft aber recht wichtige Thatsache: „Man braucht nicht polnisch zu verstehen, wenn man durch Polen und Litauen (resp. Weißrußland) reist, die deutsche Sprache genügt, — aber das ist nicht ausschließlich die Folge der vielen deutschen Kolouieen, sondern zum großen Teil den Juden zu verdanken, welche ausnahmslos der deutschen Sprache mächtig sind." Sind ja die aus jenen Gegenden herstammenden jüdisch-deutschen Bücher des Mittelalters noch heute Quellen für den Sprachforscher nach deutschen Kernworten, die jetzt in unserer hochdeutschen Schriftsprache nicht mehr vorhanden sind. Benjamin Saluik aus Grodno gab 1577 eine Unterhaltungsschrift für