Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 8 (1888)
- Issue
- Heft 2 (1.2.1888)
- Date
- 1888-02-01
- Page
- Seite 31 (sequence 7)
- Language
- German
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31 ließ man wohl damals noch den Juden einige Gerechtigkeit widerfahren, aber in den Massen des römischen Volkes lebte ein hartnäckisches Vorurteil wider sie, das mit der zunehmenden Ausbreitung des Christentums sich mehr und mehr steigerte. Denn das Christentum galt damals noch als eine Sekte des Judentums, und da die Zahl seiner Bekenner in jenen Tagen in Rom sich sehr vermehrte und es in den vornehnisten Familien Eingang fand, so mehrte sich auch unter den Anhängern der alten Religion die ohnehin schon in höhem Maße vorhandene Abneigung gegen den jüdischen Stamm und gegen das beiden Sekten gemeinsame Gesetz. Besonders traurig erging es den Juden unter der Regierung Domitians; die zeitgenössischen Dichter Martial, Jnvenal u. A. gießen beißenden Spott und verletzenden Hohn auf das unterjochte, mit scheelen Augen angesehene Volk. Neue und harte Steuern wurden den Juden auferlegt, und mit welcher Strenge dieselben eingehoben wurden, erfahren wir aus römischen Schriftstellern. Zahllose Angriffe, Schmähungen und lügenhafte Verlästerungen der Juden, ihrer Vergangenheit, ihrer Religionsvorschriften und Gebräuche verunzierten selbst die vornehmsten Werke der damaligen Litteratur, unb Josephus, der den früher gefaßten Plan, eine zusammenhängende Geschichte seines Volkes von der Vorzeit an bis auf seine Tage zu schreiben, längst aufgegeben hatte, weil er vor der Schwierigkeit eines solchen Riesenunternehmens zurückschrack, fühlte sich jetzt verpflichtet, den Plan wieder aufzunehmen und aller sich ihm in den Weg stellenden Hindernisse ungeachtetet zur Ausführung zu bringen. Es galt all' die feindseligen Anklagen zu widerlegen, die Unwahrheiten, die über das jüdische Volk im Umlaufe waren, zu entkräften und an der Hand der Geschichte den Beweis zu liefern, daß die Juden von edler Abstammung seien, daß sie durch hervorragende Thaten sich ausgezeichnet, daß ihre Religion vortreffliche Sittenlehren enthalte, daß die von ihnen geübten Bräuche frei seien von den ihnen angedichteten Abgeschmacktheiten und namentlich, daß alte, berühmte Schriftsteller verschiedener Nationen der Juden mehrmals ehrenvoll Erwähnung thun und die in der Bibel enthaltenen Berichte bestätigen. So entstanden die „Indische Altertümer," die in 20 Büchern die Geschichte des jüdischen Volkes bis zur Regierung des Königs Agrippa behandeln, und an denen Josephus viele Jahre mit außerordentlicher Hingebung gearbeitet hat. Vollendet wurden sie erst im Jahre 03, im 13. Regierungsjahre Domitians, — 2 Jahre vor dem Tode des Verfassers. Daß ein Werk unter derartigen Eindrücken und in der eben angedeuteten Tendenz abgefaßt, nichts anderes als eine Apologie sein und nicht als ein unparteiisches Zeugnis der Vergangenheit gelten kann, liegt auf der Hand, es fehlt ihm ganz und gar an Objektivität. Was nach des Autors Meinung zum Ruhme des Judentums beitragen kann, wird ausführlich behandelt, mit Nachdruck betont und vielfach ausgeschmückt; was auch nur entfernt geeignet ist, dem bestehenden Vorurteile Nahrung zu geben, wird entweder ganz weggelaffen, oder wenn dies des Zusammenhanges wegen nicht möglich ist, durch erläuternde Bemerkungen, durch Hinweise auf ähnliche Beispiele in der Geschichte anderer Völker als entschuldbar und unverfänglich dargestellt. Einen sehr ausgiebigen, vielleicht zu ausgiebigen Gebrauch macht Josephus von den Legenden und mündlichen Ueberlieferungen, die im Laufe der Zeit die Erzählungen der heiligen Schrift wie mit einem Blütenkranze umgeben hatten,