Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 8 (1888)
- Issue
- Heft 2 (1.2.1888)
- Date
- 1888-02-01
- Page
- Seite 30 (sequence 6)
- Language
- German
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30 Und als Nebukadnezar, von den, wenngleich erfolglos gebliebenen, Bemühnngen des Propheten um die Erhaltung und Wiederherstellung des Friedens wohl unterrichtet, ihm nach der Auflösung Judas die Wahl seines Aufenthaltsortes freistellte mit dem Bedeuten, daß er in Babylon sich seines besonderen Schutzes und seiner Gewogenheit zu erfreuen haben würde, da zog der vielgeprüfte Gottesmann es vor, sein Schicksal an das des winzigen Ueberrestes der Judäer zu knüpfen, der aus dem Aermsten des Landes bestand, obgleich er wußte, daß er nur neuen Kämpfen und Anfeindungen seitens seiner eigenen Brüder entgegenging. Josephns hingegen hatte aus Eitelkeit und Ehrgeiz in dem mörderischen Kriege mit Rom ein Amt übernommen, dessen Pflichten er bei seinem schwankenden Charakter, bei der Zweiteilung seiner Empfindungen, gar nicht erfüllen konnte, und während sein Vaterland verblutete und Hunderttausende von dem übermütigen Sieger in die Gefangenschaft und Sklaverei geführt wurden, sonnte er sich in den Strahlen kaiserlicher Gunst, erfreute er sich des Umganges mit vornehmen Römern, ließ sich mit Landgütern beschenken und genoß die Vorrechte eines freien römischen Bürgers. Doch froh ist er der erlangten Stellung niemals geworden, äußerliches Glück war ihm beschieden, Friede und Wohlbehagen wohnten nicht in seiner Brust. Er war eben kein vollständiger Renegat, er war nur mit halbem Herzen in das Lager der Römer übergegangen, die andere Hälfte gehörte seinen Glaubensbrüdern. Schon unmittelbar nach Beendigung des Krieges empfand er es daher auf das schmerzlichste, daß man die Geschichte der jüngsten Vergangenheit in judenfeindlichem Sinne zu fälschen wagte, daß man sich nicht scheute, die heldenmütige und fast beispiellose Gegenwehr eines kleinen Völkchens gegen eine erdrückende Uebermacht von Gegnern ihres Nimbus zu entkleiden, die Ruhmesthaten der Juden zu verkleinern und sie gar der Feigheit zu zeihen. Ein heiliger Zorn bemächtigte sich seiner und drückte ihm das Schreibrohr in die Hand, er verfaßte, erst in aramäischer Sprache, in sieben Büchern sein Werk über den jüdischen Krieg, das er dann selbst ins Griechische übersetzte, in der ausgesprochenen Absicht, die Beschuldigungen der Feigheit und manche andere ungerechte Vorwürfe gegen die Juden zu widerlegen. Aber auch seine Darstellung konnte nicht unparteiisch ausfallen, er selbst war dabei zu tief interessirt, er hatte darin als galliläischer Statthalter eine Rolle gespielt und stand zu sehr unter dem Einflüsse des Kaiserhauses. Er hat sich viel zu sehr herausgestrichen, seine Verräterei und Zweideutigkeit soviel als möglich maskiert, und andererseits Alles vermieden, was das Mißfallen der Römer, namentlich das Mißfallen des Titus erregen konnte; denn, wie er in seiner vite ausdrücklich sagt, waren seine Aufzeichnungen auch dazu bestimmt, von Titus gelesen zu werden. Immerhin bleibt sein „Jüdischer Krieg" eine, wenngleich vielfach getrübte, so doch überaus wertvolle und fast unentbehrliche Quelle für die wichtige Beurteilung der verworrenen religiösen, politischen und sozialen Momente, welche auf die Gestaltung der judäischen Zustände vor dem Ausbruche des Krieges und während seiner mehrjährigen Dauer einen wesentlichen Einfluß ausgeübt haben. Wenn aber Josephns gehofft hatte, durch sein Geschichtswerk zur Besänftigung der hochgehenden Wogen feindseliger Gesinnung gegen sein Volk beizutragen, so mußte er eine bittere Enttäuschung erleben; in den höheren Kreisen