Mannheim
Compact Memory

Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1888-02-01 · Heft 2 (1.2.1888) · p. Seite 28

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
8 (1888)
Issue
Heft 2 (1.2.1888)
Date
1888-02-01
Page
Seite 28 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2969669-2969754-2969757--2178-2972351
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

7 entity mentions

28 auch die thätige Vernunft nicht eine dem Menschen fremde, rein geistige Substanz, sondern Vermögen der menschlichen Seele selbst. Die Vernunft der Möglichkeit nach ist „das eigentliche Erkenntnisvermögen des geistigen Teils, alle unsere Ideen finden sich in ihr. Aber nicht von Anfang sind sie wirklich in ihr, vielmehr ist sie zunächst die bloße Möglichkeit der Gedanken, und wie eine leere Tafel, auf der nichts geschrieben steht." „Zur wirklichen Erzeugung unserer Gedanken ist aber noch höheres erforderlich. Dieses höher Wirkende ist ein anderes geistiges Vermögen der Seele, die thätige Vernunft." „Sie macht die von den Sinnen empfangenen Phantasmen, welche, weil die individuelle Materie noch an ihnen haftet, nur in Möglichkeit intelligibel sind, durch Abstraktion wirklich intelligibel, und ist darum die eigentliche Ursache der geistigen Erkenntnis. Dies ist nun ohne Zweifel auch die Ansicht des Maimonides. Er verbindet damit weitere Forderungen an den Propheten, vollkommen sittliche Reinheit, unifassendes Wissen und gleichmäßigen, von keiner Leidenschaft aufgeregten Charakter. Wer nun alle diese geistigen und sittlichen Bollkomnieiiheiten besaß, der mußte notwendig Prophet sein, lind wenn er es nicht wurde, so ist dies, wie Maimonides (II. Kap. 32) sich ausdrückt, als Wunder zu betrachten, wie das Verdorren der Hand Jerobeams, als er sie ausstreckte, um den Propheten fassen zu lassen, oder wie die Blindheit der Syrer unter Elisa. Demnach wäre die Prophetie bei Erfüllung der angegebenen geistigen und sittlichen Bedingungen an und für sich eine ganz natürliche Kraft, die nur des göttlichen Willens, der aber gewisserinaßen nur negativ in wunderbarer Weise hier eingreift, zu ihrer wirklichen Bethätigung bedürfte und zwar nur insofern, wenn die natürliche Kraft nicht zur Thätigkeit gelangen sollte. Daß dies in der That die Ansicht des Maimonides ist, geht zweifellos aus (Kap. 7,1) den Grundlehreu des Gesetzes (.Issoäs hathora) hervor, wo Maimonides ausdrücklich hervorhebt, daß der Mensch, wenn er alle angeführten geistigen und sittlichen Eigenschaste» besitzt, so daß sein Geist mit den höheren Wesen sich völlig verbinde, sofort vom heiligen Geiste der Prophetie erfüllt werde. Dadurch, fügt Maimonides hinzu, wird der Mensch ein anderer, er habe sich über seine Gattung hinaus mit den reinen Geistern verbunden. Der letzte, mystische Gedanke zeigt deutlich, daß Maimonides ganz der Lehre des Averroes gefolgt ist, nach welcher die völlige Vereinigung mit der thätigen Vernunft durch umfassendes Wissen erlangt wird. „Dadurch, fährt Averroes fort, eröffnet sich dem Menschen auch die Erkenntnis des ganzen Reiches der Geister; denn der wirkende Verstand besitzt die Erkenntnis aller geistigen Substanzen von Natur, und wer in dem materiellen Verstände den wirkenden Verstand vollkommen aufgenommen hat, der erkennt nun durch den wirkenden Verstand, was dieser erkennt, und in diesem erhabenen Schauen findet er das höchste Glück und die vollendete Beseligung, er ist angelangt bei dem letzten und äußersten Ziele, das einem Menschen erreichbar war."*) Wenn wir aber auch unter den Willen Gottes, der in den Propheten auf die thätige Vernunft wirkt, eine wirkliche positive Einwirkung Gottes im Maimonides (II. 30) verstehen, so entfernt er sich auch hier nicht von Aristoteles in der von Averroes angenommenen Auffassung. „Die ganze Weltansicht des Aristoteles", sagt Zeller (a. a. O. S. 788) „geht darauf aus, die Dinge möglichst vollständig aus ihren natürlichen Ursachen zu erklären; daß die Gesammtheit ') Brentano a. a. O. pag. 22, 23.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.