Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 8 (1888)
- Issue
- Heft 1 (1.1.1888)
- Date
- 1888-01-01
- Page
- Seite 12 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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12 arm ist; als er mich in fein Haus einlud, das mit holländischer Reinlichkeit gehalten ist, gab er mir zu verstehen, daß ein Rubel als Gegenwert für das Glas Milch, das er mir reichte, nicht schlecht angewendet wäre. Nachher stiegen wir in das Thal Josaphat nieder; unter einer Gruppe schöner Eichen sind die Grabtafeln angehäuft von mehr als tausend Jahren her, darunter einige von ehrwürdigem und seltsamem Aussehen, bedeckt mit hebräischen Buchstaben von veralteter Form. Von diesem schattigen friedlichen Wäldchen aus genießt man eine reizende Aussicht. Vor uns der sonnenverbrannte Bergkamm von Tsufut- Kalö, die Festung und die an den Abgründen stehenden Rinnen; hinter uns die Unordnungen der Krimgebirge, die meisten vereinzelten Plateaus, wie das, welches wir eben verließen, getrennt von einander durch die waldigen Thäler, die der Salghir durchzieht. Die Erhöhungen verlieren sich gegen die Steppe hin nach der Richtung von Simpheropol, das im Duft am Horizont erscheint. Aber nicht allein die malerische Wildheit der Gegend ist es, die uns hier fesselt; das Interesse wird erregt durch Exemplare der ältesten und interessantesten Menschenrassen. In einem Uinkreis von zwei Kilometern finden wir vier Rassen neben einander: die Tataren von Baktschi-Sarai, die letzten Ueberreste der Mongolen; die Zigeuner, wie sie einst aus der Ebene des Ganges kamen; die Karaiten, ein losgelöster Zweig vom Stamme Juda; endlich die Russen von dem Kloster Himmelfahrt. Also Turanier, Arier, Söhne Sem's und Söhne Japhet's. Vier Rassen, vier Sprachen, vier Typen, die man auf den Blick erkennt und drei Religionen — es wäre anmaßend diejenigen der Zigeuner bestimmen zu wollen. Seit undenklicher Zeit wohnen diese Elemente neben einander, jetzt in völliger Eintracht, aber nie komnit ein Tropfen Blutes von einem Stamm in einen anderen, sie vermischen sich nicht. Der Orient imponiert uns oft durch die Schönheit seiner Landschaften und seiner Denkmäler; wir haben schönere bei uns; aber was er allein vorführen kann, das find die sichtbaren Schichten der alten Geschichte, das übersichtliche Bild der Rassen, die unempfänglich für alle Verschmelzung sind. Nichts Aehnliches läßt sich in unserem von der Kultur überschwemmten Europa denken. Genlrattsalioii. Unsrer Zeit ist das Prinzip der Dezentralisation eigen: alle Arbeit und Macht soll nicht mehr in einer Hand sein. Man teilt die Regierung durch seit' Koverirmeat und Parlamentarismus, Wissenschaft und Industrie durch Spezialisten. Im Judentum hat sich von jeher ein starkes Streben nach Teilung geltend gemacht, jetzt herrscht sogar eine vollständige Zerrissenheit, nicht nur Trennung, sondern auch Spaltung der Gemeinden, eine Aufhebung alles Zusammenhangs. Das vom Juden- und Christentum gepredigte Prinzip des verbindenden und einigenden Universalismus, der religiösen, politischen und sozialen Menschenverbrüderunh wurde zu keiner Zeit so stark verleugnet, wie es jetzt geschieht — durch politischen Nationalismus, fanatischen Konfessionalismus, durch polemische Racenteilung, militärische Kriegsrüstung und kommerzielle Absperrung. Die Menschen, welche sich wie Brüder lieben sollen, sind nicht nur nicht geeinigt, nicht nur getrennt und geteilt, sie stehen sich im gegenseitigen Vernichtungskampfe feindselig gegenüber. Im alten Israel fand auch schon eine frühzeitige und fort-