Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 8 (1888)
- Issue
- Heft 1 (1.1.1888)
- Date
- 1888-01-01
- Page
- Seite 11 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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11 Die Metropole der Karaiten. Tsufut Kalö ist der merkwürdigste Ort der ganzen Krim und ein kurzer Besuch desselben gewahrt uns der Anblick aller Rassen des Orientes. Um aus der Tartarenstadt Baktschi-Sara'i in die Jndenstadt zu gelangen, hat man durch das Zigeunerviertel zu gehen. Ein Stamm von Zigeunern bewohnt dort elende Hütten, die ans ein paar znsammengeleimten Stangen erbaut an der Berglehne kleben und mit einem Fetzen Stoff geschlossen werden. Sie begnügen sich mit dem Geringsten, das zur Existenz eines Menschen notwendig ist. Diese armen Paria's leben nur von der Musik; sie haben keinen anderen Erwerb als die Ständchen, die sie reichen Tartaren bringen. Herr E. M. de Vogne berichtet über diese Stadt in folgender Weise in der „Revue des deux Mondes." Wir gelangen auf eine große Hochebene, schreibt er, welche den Gipfel des Berges bildet, der auf allen Seiten von Abgründen umgeben ist und wir befinden uns in den Straßen einer zerstörten Stadt, die so tot und still ist wie Pompeji, das ist Tsufut-Kalch die Metropole der Karaiten. Seit vielen Jahrhunderten, man weiß nicht von welchem Zeitpunkte an, hat hier ein Stamm der Juden auf dieser Hochebene gewohnt, ans den Felsen, ohne Wasser, aber geschützt vor Beraubung und Mißhandlung. Vor fünfzig Jahren war die Mehrzahl dieser Häuser noch bewohnt, man schloß Abends die Thore der Festung und diese Leute mußten eine Stunde weit -gehen, um Wasser zu holen im Thale Djurnk-Su. Die Zeiten besserten sich, die Karaiten zogen in die Städte der Ebene, besonders nach Simpheropol und Eupatoria, wo sie sich mit Handel beschäftigen. Auf dem Plateau von Tsufut-Kal6 wohnen nur noch zwei Familien und ein Rabbiner, der die Synagoge besorgt. Die Anhänger der Sekte wallfahren dorthin cmt Laubhüttenfeste. Die Karaiten haben nichts mit den anderen Inden gemein; sie glauben nicht an den Talmud, sie halten sich an die Bibel und unterscheiden sich durch manche Einrichtungen in ihrer Liturgie. Reiirlich und zuvorkommend, haben sie keinen Fehler, den man ihren Glaubensgenossen in Rußland vorwirft; sie genießen im Gegenteile allgemeine Achtung, man lobt ihre Ehrlichkeit und ihre moralischen Eigenschafteil. Die Abstammnng dieses Zweiges der Israeliten ist ein Problem, das von der Wissenschaft noch nicht ganz gelöst ist. Wenn man ihren eigenen Anssagen glauben darf, hat nach den einen ihr Stamm Jerusalem vor der ersten Zerstreuung der Inden verlassen, nach anderen vor der Zerstörung des ziveiten Tempels. Einige Historiker sehen in diesen Karaiten Anhänger des Judentums ohne Verwandtschaft mit dem Volke Abraham's, welche sich iir den ersten Jahrhunderten unserer Aera zum Judentum gewendet haben sollen. Der Typus der Karäer widerspricht dieser Annahme: er ist rein hebräisch. Der Rabbiner, so schreibt der Reisende, führte mich in die Synagoge, wo er die heiligen Bücher aufbewahrt und wo das Grab der Tochter des Khan liegt. Unter diesem Grabmal ruht die Tochter des Krim-Gurei, der einst nach Tsufut-Kalä stieg, um einen berühmten karaitischen Arzt um Hilfe für sein erkranktes Kind zu bitten; sie verliebte sich in den gelehrten Mann, starb in der Blüte des Lebens und verlangte, neben denijenigen begraben zu werden, der sie nicht zu heilen vermocht hat. Der Rabbiner spricht geläufig russisch; ich versuchte mir von ihm den Unterschied zwischen seiner Bibel und derjenigen der anderen Juden erklären zu lassen, ich wollte vor Allein wissen, ob sie sich derjenigen der Sameritaner nähert und ob eine Verlvandtschaft zwischen den beiden Sekten bestehe. Aber von alledem weiß er nichts. Er weiß nur, daß er sehr