Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 7 (1887)
- Issue
- Heft 12 (1.12.1887)
- Date
- 1887-12-01
- Page
- Seite 273 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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273 Und was ist aus der erhabensten Idee, der Messiasidee, geworden, um deren willen das jüdische Volk geschaffen ist? Hier giebt der Verfasser die Aussprüche einiger jüdischen Gelehrten über die Messiasidee : „Der Messias ist weniger die materielle Erscheinung eines allmächtigen Wesens, eines Königs, Propheten oder Gottes, als das Anbrechen einer großen Epoche vom religiösen, sozialen und moralischen Gesichtspunkte ans." (Cahen.) „Der Messias ist die ideale Zukunft" (Munk.). „Der Messias, der nicht aus Fleisch und Knochen besteht, ist die zur männlichen Reife gelangte Vernunft" (Rodrigues). „Die Revolution war der wahre Messias für die Unterdrükten" (Archiv. Israel.). „Am 28. Februar 1790 ist für uns mit der Erklärung der Menschenrechte der Messias gekommen" (Cahen). „Der Messias ist die Wiederherstellung des Judentums, die Emanzipation der Menschheit, das in den Lenchtturm der Nationen umgewandelte Israel!" In dieser Auffassung findet der Verfasser eine Erniedrigung, einen Verfall des Judentums, und ruft schließlich: „Will Israel ein Messias sein, — nun, die Völker dulden keinen falschen Messias in ihrer Mitte! Die Krisis, in welcher nunmehr das jüdische Volk steht, ist eine gewaltige, entscheidende, von der Sein und Nichtsein abhängt! Weder Illusionen noch Phrasen können daraus herausführen, sondern nur gewissenhaftes Besinnen auf die wahren Ursprünge der jüdischen Religion und ans Sinn und Bedeutung der Entwicklung und Geschichte derselben!" Diese letzteren Worte sind aus unserem Geiste gesprochen! Weder ein schemenhaftes, philosophisches Surrogat, noch die Beharrung auf dem eingeschlagenen Wege des indifferenten laissor-aUöi-, der Gleichgiltigkeit, vermögen das Judentum über seine Krisis hinwegzuheben, sondern nur ein gewissenhaftes Anknüpfen an den verlassenen Pfad der geschichtlichen Entwicklung, nur die ernste Bekehrung zu der Grundlage unseres Glaubens, dem ethischen Monotheismus, von dem der Formdienst des Rabbinismus uns entfernte, das ist es, was uns pm Lichte, zum Heile führen wird! Schon hat Israel in der Reform einen wesentlichen Weg der Besserung eingeschlagen und durch alle Zeitwirreu und Trübungen hindurch vertraut es auf seinen Gott, der sich stets als sein mächtiger Schutz bewies, zu jeder Zeit der Not und Trübsal. Viele Prüfungen und Leiden haben Israel gelehrt, den Weg des Lebens von dem des Todes zu unterscheiden, und es ist ihm zum Bewußtsein geworden, daß sein Heil nur davon abhängt, daß es der Stimme seines Führers folgt, wenn er ihm zuruft: „Wähle das Leben!" Unsere Zustande. Zwei Angelegenheiten verdienen eine besondere Besprechung: unsere Beerdigungs- und unsere Trauungsweise. Diese religiösen Akte haben selbst in großen Gemeindeil noch manches Mittelalterliche an sich. Trotz einer langen Reihe von Pracht-Equipagen vermißt inan oft bei den Beerdigungen ein Geleite in geordneten Reihen; in den seltensten Fällen wird ein Rabbiner dabei gesehen oder eine Grabrede gehört. Dadurch fehlt die Weihe und das erhabene und tröstende Wort der Religion. Die hebräischen Gebete werden ganz nach alter Ghetto-Weise in lautem