Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 7 (1887)
- Issue
- Heft 12 (1.12.1887)
- Date
- 1887-12-01
- Page
- Seite 272 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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272 Nach der Zerstörung des Tempels klagen die Rabbiner - „Von dem Tage, da das Geschlechtsbuch zerstört ward (das Geschlechtsregister des Hauses Davids), ist die Kraft der Weisen schwach geworden, hat sich das Licht ihrer Augen in Finsternis verwandelt!" Der Talmud, sagt der Verfasser, schnürte die Seele des Judentums zusammen. Das Judentum versank in Finsternis und Nacht, die erst mit dem Anbruch der neuen Zeit verschwand. Der erste Hahnenschrei derselben war die Philosophie Spinoza's, dessen Pantheismus das notwendige Resultat des spitzfindigen Talmuds war. Ein überraschender Aufschwung des jüdischen Volkes auf allen Gebieten des materiellen und geistigen Lebens erfolgte. Das Netz des Talmuds wurde zerrissen. Die Talmudschulen in Prag, Frankfurt, Altona, Fürth, Halberstadt gingen nach und nach ein. In Deutschland ward mit der Befreiung vom Talmud der Anfang gemacht. Eine Richtung unter den Juden sucht durch Mäßigung der Lossagung vom Talmud den Sturz in den Abgrund einer erschreckenden Jmmoralität aufzuhalten, die durch die plötzliche Lossagung von einem Buche, aus dem man achtzehnhundert Jahre die moralische Norm schöpfte, erstehen muß. Wie ist demnach die religiöse Stellung der modernen Juden? Für die höher Gebildeten jeder Konfession ist in unserem philosophischen Zeitalter nicht mehr die Religion, sondern das, was man vernünftig Denken nennt, das leitende Prinzip. So huldigen denn die hervorragenden Geister des Judentunls einer Weltanschauung, die nicht mehr Monotheismus, sondern bloßer philosophischer Monismus ist, d. h. ihr Gottesbegriff ist depraviert zum Begriff eines einfach und einzig Seienden, aus dem alles Sein und Leben, die Welt und der Geist hervorgeht, ein Eins, das in jedem Falle unpersönlich ist, und von dem nur noch gezweifelt wird, ob es ein unbewußt denkendes Wesen oder ein bloß blind mechanisch wirkendes Naturprinzip ist. Der persönliche Gott der Bibel ist gänzlich aus dem Bewußtsein des modernen Juden geschwunden, die Offenbarung ihres Gottes, die sie allein noch kennen, ist die Natur mit ihren Gesetzen des causalen Willens und Zusammenhangs und die Offenbarung im vernünftig denkenden Bewußtsein des Menschen. Also kennen sie im Grunde nichts anders als Spinoza's Substanz, deren Atribute Ausdehnung (Welt) und Denken (Bewußtsein) sind. Also sind Bibel und Talmud zu religiösen Sagenbüchern, in denen die „Heldengestalten der Ahnen", „die ruhmvolle Geschichte der Nation" religiös verherrlicht ist. Das wäre also das Endresultat der religiösen Entwicklung der Juden? Das Volk, dem einst der Heilige vom Sinai geoffenbart: Ich bin der Herr, dein Gott! leugnet nun die Persönlichkeit, das Selbstbewußtsein dessen, der es geschaffen und zum Träger seiner Offenbarung berufen? Dieses Volk ist arm, unsäglich arm geworden. Wenden wir uns zu seinem Kultus- Es versteht nicht mehr, was es singt und betet, es braucht mühsam und notdürftig eine Uebersetzung neben dem Texte. Die Gebete selbst sind verkürzt, verwässert. Die Erinnerungen an das Alte sind ausgemerzt und was übrig ist, ist geistig ohne tiefen Gehalt, monoton in dem Gedanken. Daher hat auch der Besuch des Gotteshauses furchtbar abgenommen. Nur die Feiertage sehen eine geputzte Menge. Orgelspiel und Predigt ist unvermögend, den Mangel zu decken. Die jüdische Jugend entfremdet sich aller Religionsübung, die weder Herz noch Verstand zu fesseln und zu erheben vermag.