Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 7 (1887)
- Issue
- Heft 12 (1.12.1887)
- Date
- 1887-12-01
- Page
- Seite 271 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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271 Hemann, (Leipzig 1885, I. C. Hinrichs Buchhandlung), welche sich mit der Betrachtung der Phänomene auf religiösem jüdischem Boden angelegentlichst beschäftigt. Von nichtjüdischer Seite ausgehend, wird in dieser Broschüre gewiß ein schärferes aber auch unparteilicheres Urteil über uns gefällt, als wir dies selbst zu thun vermöchten. „Teuer ist mir der Freund, doch auch den Feind kann ich nützen! Sagt mir der Freund was ich kann, sagt mir der Feind was ich soll!" Da der Verfasser zudem mit vielem Ernste und anscheinendem Wohlwollen an die Betrachtung der Leiden und Gebrechen des modernen Judentums herantritt, wollen wir, indem wir Anklagen, soweit sie unberechtigt sind, zurückweisen, ihre Mahnungen, sofern triftig, beherzigen, ihre Ratschläge, wenn gut, befolgen! Wer schweigt, willigt ein — das ist der Grundsatz des Reformjudentums, welches auf Wahrheit der Ueberzeugung, auf lauterer, unerschütterlicher Wahrheit beruht und einem gegnerischen Angriffe wohl Trotz zn bieten vermag. Irrig und falsch und des Oefteren von uns widerlegt ist die Meinung, als ob für die zerfahrene, in einer schweren Krisis befindliche Judenheit kein Heil, außer in dem aus seiner Mitte hervorgegangenen Stifter der christlichen Religion zu suchen und zu finden sei, denn mit der Einheit Gottes steht und fällt die Mission des Judentums. Hingegen sind in dieser Schrift neben vielen Ansichten und Anschauungen, die wir nicht billigen können, auch solche geäußert, welchen der Rabbinerkongreß unserer transatlantischen Brüder in Pittsburg Ausdruck gab, und verdient der Verfasser der Schrift schon darum Beachtung, weil er in Uebereinstimmung mit hochbegabten Geistern aus unserer eigenen Mitte sich befindet. Wir lassen hier Einzelnes folgen: „Ethisch ist der Charakter des jüdischen Monotheismus vom Ursprünge an. Streift das jüdische Volk diesen Grundcharakter ab, so verliert es seine religiöse Weltstellung “ Es ist wahr, die Ethik des Judentums unterschied sich von vornherein nicht nur durch die Einigkeit Gottes vom Polytheismus, sondern durch die erhabene Lehre von Gottes Heiligkeit. In den mosaischen Gesetzen sind die ewig geltenden Forderungen der Sittlichkeit einfach und kurz, aber lückenlos und umfassend in unübertrefflicher Weise aufgestellt. Kultus-, Staats-, Civilgesetze bilden mit dem Sittengesetz, wie es im Dekalog grundleglich zusaminengefaßt ist, ein organisches Ganzes. Das Prophetentum bewährt sich noch im höheren Grade als das mosaische Gesetz als ein Produkt übernatürlicher Geisteswirkung. Es erweiterte den Jdeenkreis durch die Idee der Universalität Gottes, die den Monotheismus vom Henotheismus unterscheidet. Es faßt das Reich Gottes in konkreter Form als die höchste alle Nationen einigende Form auf. Die mit dem ethischen Monotheisnius des Judentums verbundene Ausschließung gegen die Heiden und Intoleranz gegen deren religiöse Ideen verursachte eine Vervielfältigung der Absperrungsgesetze. Zu der Zeit des Zusammenbruches des Polytheismus beschäftigten sich die Juden mit spitzfinderischer Gesetzauslegung anstatt mit den ächten Prophetenideen. Die Folge davon war, daß eine Minorität unter den Juden, eine Tochterreligion, das Heidentum in sich ausgenommen und damit scheinbar die Mission des Judentuins, die Religion zu verpflanzen, übernommen hat. Nur die Idee eines Messias konnte nunmehr das jüdische Volk aufrecht halten. Diese Idee vermochte die Juden zu bewegen, die furchtbare Knechtung durch das erweiterte Gesetz auf sich zu nehmen. Sie wollten bei der Ankunft des Messias als ein treues, frommes Gesetzvolk erfunden werden.