Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 7 (1887)
- Issue
- Heft 12 (1.12.1887)
- Date
- 1887-12-01
- Page
- Seite 268 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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268 Mit gleicher Leichtigkeit wie die deutsche handhabte Kalisch die hebräische Sprache. Bei der Eröffnung der Clevelandkonferenz trug er ein von ihm verfertigtes hebräisches Gedicht vor. Im Jahre 1866 nahm Kalisch die Rabbinerstelle zu Leavenworth, Kansas, an, wo seine Predigten eine zahlreiche Zuhörerschaft fanden und 1868 reiste er nach New-Aork zu dem Zwecke, um dort seine Uebersetzung des „Nathan der Weise" von Lessing, drucken zu lassen und ein Erziehungsinstitut zu gründen. In dem Vorworte zum „Nathan" brachte er die bekannte Lobrede Gabriel Rießers, seines Freundes, auf das Lessing'sche Drama. Nach einem Jahre gab er das Institut, 'das wenig Erfolg hatte, auf. Zu dem „Christian Union" des Pfarrers Ward Becher trug er viele Artikel bei, wie „der Wein der Bibel", „Alle Christen im Irrtum über die Taufe" (AU Christians Astray on Baptism.) “* Er ging wiederum, um sich und seine Fanülie zu erhalten, auf die Wanderlehrerreise. Auf der Tour erhielt er den Ruf der „Bnai Abram"-Gemeinde zu Newark, Jersey, übernahm aber schon im August 1872 das Rabbinat zu Nashville, Tenessee, an der „Ahava Scholam"-Gemeinde, wo er den Bau einer neuen Synagoge vernnlaßte. Hier war es, wo er eine Reihe von Vorträgen begann, die sämtlich den Beweis führen sollen, daß das Judentum kein Hindernis bildet für ein gesellschaftliches Zusammenleben mit anderen Glaubensbekennern. Seinen Vortrag „Ancient and Modern Judaism“ hielt er fast in jeder großen Stadt am Missisippiflusse. Das in diesem Vortrage enthaltene Glaubensbekenntnis des modernen Judentums ward von Christen und Juden als die klarste Darstellung desselben angesehen. Es ist folgendes: 1. Wir glauben an eine ewige, unteilbare, unveränderliche Einheit Gottes, welcher der Urpunkt des Alls ist, der Vater der ganzen Menschheit, der die Gebete aller seiner Kinder ohne irgend welchen Vermittler hört. 2. Der Mensch ist mit einer unsterblichen Seele begabt, bestimmt gut zu sein und gut zu handeln, die Menschen und Gott zu lieben, und so zufrieden zu sein in diesem Lebenszustande wie in dem künftigen. 3. Die mosaische Religion ist eines unendlichen Fortschrittes fähig. 4. Der Geist der heiligen Schriften muß betrachtet werden, und Alles und Jedes, das sich als zeitlich oder örtlich bewährt, muß vom Judentum entfernt werden. Nachdem die vollkommene Kenntnis des Gegenstandes erlangt ist, mag freie Untersuchung und Auslegung geübt und die Schriftstelle erklärt werden nach den gewöhnlichen Regeln der Grammatik, Logik und Rethorik. 5. Die Sammlung der Kontroversen, Reden und Abhandlungen, Verordnungen, Regeln und Reglemente, welche man den Talmud nennt, ist nur eine Quelle der Religionsgeschichte, aber nicht irgendwelche Autorität für praktisches Judentum. 6. Alle äußerliche Praxis, welche nicht geeignet ist, irgendwelchen heilsamen Einfluß auf den Geist zu üben oder nicht mit dem moralischen Bewußtsein der Gegenwart bestehen kann, muß vermieden werden. Das Judentum muß auf wahre Moral und Frömmigkeit begründet werden. 7. Traditionelle Ceremonien und Gebräuche, seien sie biblisch oder nicht biblisch, müssen geändert und selbst abgeschafft werden, sobald ihre Form die Moral verletzt oder die Gefühle moderner Civilisation.