Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 7 (1887)
- Issue
- Heft 11 (1.11.1887)
- Date
- 1887-11-01
- Page
- Seite 246 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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246 erlebt; aber weil Graetz trotz einzelner Schwächen der Forschung oder der Auffassung dem jüdischen Bewußtsein einen so deutlichen und so innigen Ausdruck gegeben hat, hat er den gewaltigen und schier undurchdringlichen Wall der Gleichgültigkeit durchbrochen, den so viele andere jüdisch-religiöse Strebungen in Deutschland nicht überwinden können, hat er weit über Deutschland hinaus für die Religion Juda's begeistert und begeisternd gewirkt. Sein Werk ist ins Französische, ins Englische, ins Russische, ist vor allem in die heilige Sprache Israels übertragen worden, deren Hoheit von Graetz so hoch gepriesen wird; das Publikum war kein Ketzerrichter, das ihn über dogmatische Fragen examinierte, sondern achtete nur auf die heiße Liebe für das Judentum, die aus seinem Werke ausströmte; der Haß, mit dem die Judenfeinde ihn beehrten, selbst das Ungestüm, mit dem er hin und wieder in gerechtem Zorn unwürdige Dinge allzustürmisch tadelt, haben es nicht hindern können, daß überall in der weiten Welt jüdische Herzen ihm lebhaft entgegenschlagen und jüngst bei seiner Anwesenheit in England hat es sich gezeigt, wie sehr seine großen Verdienste auch in der Fremde gewürdigt und gefeiert werden. Graetz ist durchgedrungen, weil er mit der Zuversicht des Genies und der Treue des charakterfesten Mannes immer wahr gewesen ist und niemals nach rechts und links hinübergeschielt hat. Hätten diejenigen, die ihn aus religiöser, aus politischer oder aus persönlicher Gegnerschaft angriffen, eine Ahnung gehabt, wie kühl er bei all diesen Angriffen blieb, so weit sie nicht wissenschaftlich begründet waren und so auch ihn belehrten, sie würden die Pfeile in ihrem Köcher behalten haben. Vielleicht läßt sich Graetz's religiöse Meinung nicht auf eine bestimmte Formel bringen, Gemütstiefe ist eine inkommensurable Größe, sein lebhaftes jüdisches Empfinden, das er unumwunden ausfprach, gewann ihm die Gemüter, man fühlte, dieser Schriftsteller, der wegen seines Freisinns gescholten wurde, würde getrost, wenn es not thäte, auch ein Märtyrer für sein Judentum werden. Daß ein solcher Mann auch als Lehrer von unschätzbarem Werte ist, bedarf keiner langen Ausführung. Es war eine besondere Gnade Gottes, daß das Breslauer Seminar, als es ins Leben trat, so seltene, so ausgezeichnete Männer zu Lehrern erhielt: ein jeder derselben hatte seine Eigenart, war durch ernstes geistiges Ringen zu der ihm eigentümlichen Auffassung des Judentums gelangt, aber diese Männer wirkten im innigsten Einvernehmen, der Knorr konnte den Knubben hübsch vertragen und die Schüler wurden nicht in dogmatischer Einseitigkeit und Engherzigkeit erzogen. Frankel besonders genügte es vollständig, daß seine Mitarbeiter, daß seine Schüler religiös waren; ob sie es gerade in seiner Weise waren, das schien ihm tveniger wichtig. Ein Moment aus der Lehrtätigkeit Graetz's sei es erlaubt, herauszugreifen, „um zu zeigen, wie sehr er seine Schüler anregt. Graetz hält auch historische Übungen am Seminar, um die reiferen Hörer zu selbständigem Arbeiten zu erziehen; es ist bekannt, wie selten derartige Übungen anderwärts zweckentsprechend geleitet werden, wie oft sie die Jugend abstumpfeu, statt sie anzuregen. Schon bei der Wahl der Themata kann viel gesündigt werden; ist der Lehrer hierin ungeschickt, wählt er Gegenstände, bei denen nichts mehr zu leisten ist, wo die Forschung schon abgeschlossen ist, wo also dem emsigsten Fleiße kein anderer Erfolg bleibt, als schon längst gefundene Resultate zu bestätigen, so wird dadurch der Eifer für wissenschaftliche Arbeit nur abgekühlt; man kann auch fehlgehen, indem man die Themata zu weit, zu umfassend stellt und dadurch das wichtigste erziehliche Moment, die gründliche Durchdringung, versäumt. Und zuletzt kommt noch der Eigensinn und die