Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 7 (1887)
- Issue
- Heft 11 (1.11.1887)
- Date
- 1887-11-01
- Page
- Seite 245 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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245 der das Richtige gleichsam errät und dann es durch die exakte Forschung bestätigen läßt. Besonders auf diesen vor ihm fast unbetretenen Bahnen, die Graetz zn wandeln hatte, konnte nicht immer Alles aktenmäßig belegt werden, die Hypothese war nicht zu entbehren, und wo das unbedingt Wahre nicht geboten werden konnte, galt es mit dem Wahrscheinlichen sich zufrieden zu geben. Es ist auch dies schon dankenswert, daß Graetz den Mut hatte, diese gewaltige Arbeit zu unternehmen, daß er nicht wie vielleicht mancher andere bedeutende Mann sich durch die Größe der Aufgabe zurückschrecken ließ. Zunz soll einmal, nachdem Graetz schon die ersten Bände seines Geschichtswerkes veröffentlicht hatte, auf die Frage, was er von dem Buche halte, die Antwort gegeben haben, daß ja schon Jost das geleistet habe und dies Wort soll bei Graetz gerechte Mißstimmung hervorgerufen haben; wenn dies richtig, so war dieser Satz nicht das Urteil von Zunz, denn so gescheidt war dieser Meister, um den Unterschied zwischen Jost und Graetz zu erkennen, sondern nur der Ausdruck des Unmutes darüber, daß Graetz die Verdienste Jost's ihm nicht genügend anzuerkennen schien. An der Graetz'schen Darstellung haftet nichts von dem Staube der Bibliotheken, die der Autor hatte durchwandern, hatte durchlesen müssen, um sein Buch zu schreiben; es ist kein Prunken mit Gelehrsamkeit, keine Ueberfülle von Citaten, wie man sie sonst wohl wahrnimmt und die der fleißigste Leser dann kaum kontrollieren kann; der Autor will dem Leser nicht imponieren und ihm zeigen, wie viel er weiß, sondern schränkt den gelehrten Apparat aufs Notwendigste ein; dazu sind auch die gelehrten Untersuchungen so anregend geschrieben, der Leser wird so lebhaft zur Teilnahme an dem Gange der Verhandlung eingeladen, daß selbst die subtilsten und entlegensten Diatriben fesseln. Wer eine Geschichte der Juden schreiben will, die nicht nur gelehrt, sondern auch lesbar ist, der soll nicht nach kühler Objektivität streben, sondern der muß wie Graetz es thut, um Herzen zu erregen, mit seinem Herzblut schreiben, man muß merken, wie ihn die Schicksale bewegen, von denen er berichtet. Es hat ja überhaupt mit der Objektivität des Historikers seine eigene Bewandtnis. Keiner kann seine persönliche Meinung und Neigung ganz ausscheiden; selbst die kahlste Chronik ist nicht ganz ohne subjektive Momente, und oft genug sind die Geschichtsschreiber, die am objektivsten scheinen, es am wenigsten: die nüchterne Parteilosigkeit ist dann nur eine Maske, um persönliche Meinungen sicherer zu verbreiten. Nur dazu ist der Historiker verpflichtet, unbedingt wahr zu sein, nicht bewußt Schönfärberei zu treiben, keine Thatsache zu fälschen und dann mag man es immerhin durchmerken, auf welcher Seite sein Herz ist; es wird Graetz bei seinen Lesern nichts schaden, daß man gleichsam den Pulsschlag seines Herzens aus seinen Büchern heraushört, daß man es merkt, er sympathisiere mehr mit den Märtyrern als mit den Henkern. Er ist der Geschichtsschreiber Israels, der an die Zukunft Israels glaubt, und darum ist sein Werk im besten Sinne erbaulich zu nennen. So mancher gebildete Israelit, der z. B am Jomkippur bei einenr wenig anregenden Gottesdienste einer kleinen halbpolnischen Geineinde den ganzen Tag unverdrossen aushält, verdankt diese zähe Kraft nur dem Umstande, daß er neben dem Machsor sich noch einen Band Graetz in die Betstube heineingenommen hat. Graetz lehrt nicht nur, nein, er fesselt, er reißt hin, er begeistert und Unzählige, die heute religiöse Juden sind, sind es durch Graetz geworden. Es ist ein erstaunlicher Erfolg, daß ein zwölfbändiges Werk, welches von vornherein nur auf einen engen Leserkreis rechnen kann, drei Auflagen in wenigen Jahren