Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 7 (1887)
- Issue
- Heft 11 (1.11.1887)
- Date
- 1887-11-01
- Page
- Seite 244 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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244 Nichts ist für Graetz förderlicher als ihn mit dem zu vergleichen, der einige Jahrzehnte vor ihm eine Geschichte der Juden in vielen Bänden geschrieben hat; man thut Jost mit einem solchen Vergleich fast Unrecht. Jost hat mit völlig unzulänglichen Mitteln zu einer Zeit, wo noch sehr wenig Spezialforschungen über die Geschichte der Juden Vorlagen, diese Arbeit unternommen, die damals gar nicht gelingen konnte; sodann hat er sich seinem Stoffe so kühl als möglich gegenübergestellt; ihm war, als er seine erste vielbändige Geschichte schrieb — er hat später seine Ansichten gemildert — das ganze traditionelle Judentum ein überwundener Standpunkt und wer seinem Stoffe so gleichgültig gegenübersteht, den wird dieser Stoff dadurch strafen, daß er sich spröde der darstellenden Hand widersetzt. Es wird erzählt, Jost habe den ersten Band seiner Geschichte Zunz zur Prüfung übergeben, und lange Zeit auf die Rückgabe des Manuskripts gewartet. Als diese nach Monaten nicht erfolgte, wurde der sonst so gemütliche Jost ungeduldig, erkundigte sich uach dem Schicksal seiner Schrift und hörte mit Schrecken, sie sei verbrannt, das übrigens, wie Zunz malitiös hinzufügte, noch das Beste wäre, was ihr passieren konnte. Zunz hat es nämlich damals schon erkannt, daß der sonst gelehrte und ehrliche Jost auf einem noch sehr unsicheren Boden sich bewege. Die jüdische Geschichtsforschung stand noch kaum in ihrem ersten Anfänge und eine Darstellung der jüdischen Geschichte selbst müßte daher in den meisten Partien ungenau und lückenhaft ausfallen. Dennoch war das Jost'sche Werk für seine Zeit eine hervorragende Leistung, indem in demselben ein umfassender Grundriß der jüdischen Geschichte gezeichnet und besonders über die politischen Verhältnisse der Juden tit den verschiedenen Ländern und Zeitaltern die sonst nirgends in solchem Maße vorhandene Belehrung dargeboten wurde. Als Graetz die Arbeit unternahm, waren schon treffliche Bausteine in Fülle zusammen getragen; es blieb aber noch unendlich viel zu thun übrig. Es giebt wohl kaum noch ein anderes geschichtliches Spezialwerk, das über so weite Zeiträume, über so verschiedene Kulturgebiete sich erstreckt; es gehört eine erstaunliche Arbeitskraft dazu, ein so weites Gebiet zu meistern, besonders wenn sich der Autor nie auf andere Forscher verläßt, sondern selbst zu den Quellen hinabsteigt. Man kann das Graetz'sche Geschichtswerk, das vielleicht einzig dasteht, nicht mit Maßstäbeu messen, die anderwärts hergeholt sind. Die meisten Historiker behandeln Zeiten und Völker, die seit Jahrhunderten Gegenstände der Forschung und der Darstellung sind; wer heute römische Geschichte schreibt, hat natürlich noch Gelegenheit genug sich auszuzeichnen, aber da das Tatsächliche so oft durchforscht, die Charaktere so oft erwogen sind, so dürfen auch geringere Fehler mit Schärfe gerügt werden. Die jüdische Geschichte jedoch glich noch am Anfang dieses Jahrhunderts einem Urwald, den die Civilisation nicht berührt hatte; seitdem war schon manche Strecke urbar gemacht worden; aber an vielen Stellen war der Wald noch nicht gelichtet, als Graetz ans Werk ging; auch das Urteil über die geschichtlichen Persönlichkeiten stand noch nicht fest. Niemand weiß so gut als Graetz selbst, wie viel noch im Einzelnen an seiner Arbeit zu bessern ist; aber wäre es vernünftig, wenn einer lieber unter freiem Himmel bliebe als in einem Hause, das noch einige Schäden hat? Nun, Graetz hat die jüdische Geschichte unter Dach und Fach gebracht, und wer wegen einiger Schwächen das ganze Werk verwirft, der ist gerade so weise, wie einer, der ein stattliches Haus verläßt, weil es nicht den höchsten Anforderungen entspricht, und im Freien ühernachtet. Kein Historiker kann die Phantasie entbehren, den divinatorischen Blick,