Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 7 (1887)
- Issue
- Heft 11 (1.11.1887)
- Date
- 1887-11-01
- Page
- Seite 243 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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243 gingen. Jedermann weiß, daß, um als Prediger zu wirken, gewisse äußerliche Mittel und Fähigkeiten sehr wichtig und nahezu ausschlaggebend sind. Oft fehlt den Besten, die etwas Gediegenes und Tüchtiges zu sagen wissen, angesichts einer großen Menge der Mut, das auszusprechen, was sie doch so wohlerwogen und vorbereitet in der Seele tragen; die „Scheu vor der Gemeinde" erreicht bei Vielen — und die Verschämten sind nie die Schlechten — einen so hohen Grad, daß sie bei aller inneren Kraft untauglich werden als Redner zu wirken. Graetz war die schönere und edlere Aufgabe zugefallen, statt als Redner zu einer Gemeinde, in herrlichen durch die Tiefe der Forschung wie durch den Glanz der Darstellung gleich ausgezeichneten Werken zu seiner ganzen Glaubensgenossenschaft, ja über diese hinaus zu dem weiten Kreise derer zu reden, denen Israel und seiner Geschichte Interesse und Teilnahme einflößt. Einige Jahre hatte Graetz nach Beendigung seiner Studien in dem bescheidenen Amte eines Schuldirigenten in einem kleinen österr. Orte in Lundenburg gelebt; es waren für ihn Jahre hohen Glückes trotz der engen Lebensverhältnisse; denn er hatte dorthin diejenige als Gattin geführt, mit der er schon, seitdem er zur Universität gegangen, durch die innigste Liebe verbunden war, und da er in seinem Heim sich so wohl fühlte, überkam ihn ein reger Arbeitseifer und er schrieb, zumal er auf diesem Gebiet schon durch frühere Forschungen sich heimisch gemacht hatte, in raschem Fluße die Geschichte des talmudischen Zeitalters, welche den vierten Band seines großen Geschichtswerkes bildet. Mit diesem Manuskripte im Koffer zog er nach Berlin und fand hier in, Veit einem bereitwilligen Verleger. Als dies Werk im Jahre 1853 in die Öffentlichkeit trat, erwies Hirsch seinem einstigen Schüler, allerdings einige Jahre später, einen letzten großen Dienst von einem fast unschätzbaren Werte. Er wandte wohl einige hundert Druckseiten darauf, das Graetz'sche Buch zu kritisieren, zu vernichten. Der Erfolg stand in umgekehrtem Verhältnisse zu dem Willen und den Absichten des Kritikers. Man sagte sich, ein Buch, welches mit solchem Aufwand bekämpft wird, wie bedeutend muß es sein, wer schießt mit Kanonen gegen Spatzen? Kein Lob der Freunde konnte dem Werke so viel nützen als dieser ungeheure Apparat es zu verderben. Auch der lieblose böse Ton, der aus dem schier unerschöpflichen Schimpfwörterlexikon, das die deutsche Kritik , sich im Laufeder Jahrhunderte geschaffen hatte, die heftigsten herausgriff und gleichsam ganze Eimer von kritischer Lauge über den Autor ausgoß, fiel unangenehm auf. Es giebt auch eine Dankbarkeit des Lehrers gegen den Schüler; es ist ein unendlich wertvolles Glück für den Meister der Wissenschaft, wackere und begabte Schüler zu gewinnen; wie wußte Frankel z. B. dieses Glück zu würdigen, mit welch väterlicher Liebe und vor allein mit welch außerordentlicher Geduld und Nachsicht ist er seinen Schülern begegnet, aber wo bricht in allen den langen, langen Artikeln Hirsch's auch nur einmal der Ton der Liebe durch zu dem begabten und redlich strebenden Jünger? Man hat es damals merkwürdig gefunden, daß ungefähr drei Jahre seit dein Erscheinen des Werkes verstrichen waren, bevor die Kritik erschien und daß gerade in dieser Zwischenzeit in Folge dieser wissenschaftlichen Leistung Graetz in das Lehrerkollegium des neu gegründeten Seminars berufen worden war. Man hat damals angenommen, daß die Kritik noch mehr dem Seminar als dem Buche galt. Hirsch hat sich hiergegen in seiner bekannten, die Superlative bevorzugenden Form verwahrt; aber merkwürdig ist es doch, daß die Beurteilung Hirsch's etwas spät kam; sie kam jedenfalls nicht zu spät, um die Graetz'sche Autorität wesentlich zu befestigen, um seinen Ruhm anch in die orthodoxen Kreise zu tragen. 21*