Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 7 (1887)
- Issue
- Heft 10 (1.10.1887)
- Date
- 1887-10-01
- Page
- Seite 230 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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230 wir sie auch in vollem Maße besitzen würden, schon Alles erreicht? ist es damit schon ansgemacht, daß wir das Gute wählen und das Böse verwerfen? Kömmt es nicht vor, daß wir die Verderbtheit unserer Gesinnung kennen und dennoch sie nicht aufgeben, daß wir die Verwerflichkeit unserer Bestrebungen cinsehen und sie trotzdem nicht fallen lassen, es wohl wissen, daß wir nur Böses im Schilde führen und desungeachtet dabei bleiben? Und noch mehr! gehen wir nicht oft mit Absicht darauf aus, die Begriffe zu verwirren, die Ansichten zu verfälschen und es durch die Künste der Arglist und Verdrehung dahin zu bringen, daß das Gefühl für Recht und Wahrheit abgestumpft wird und Unrecht als Recht erscheint, Lüge als Wahrheit angesehen wird? „Wehe denen", ruft schon der Prophet aus, „die das Böse gut heißen und das Gute schlecht nennen, die das Licht zur Finsternis machen und die Finsternis zum Licht, die von dem Bitteren sagen, daß es süß und von betit Süßen, daß es bitter sei." Gehen wir einmal von der Voraussetzung aus, daß bei der Wahl zwischen dem Guten und dem Bösen die Wahrheit nicht mitzusprechen habe, daß das gut ist, was wir für gut halten, für gut ausgeben, daß man da nicht viel zu prüfen und zu urteilen habe und daß der laute Beifall oder die stillschweigende, widerspruchlose Zustimmung der Menschen allein als das Kennzeichen und der Probestempel des Guten zu gelten habe, dann ist es lächerlich, sich auf sittliche Grundsätze berufen und sein Thun mit solchen in Einklang bringen zu wollen, dann kann es überhaupt damit gar nicht ernstlich gemeint sein. Um an das Ziel der rechten Entscheidung zu kommen, müssen wir aber von dem Wege, der zu ihm hinführt, den letzten Anstoß Hinwegräumen. Den Unterschied zwischen dem Guten und Bösen kennen und dieser Erkenntnis auch treu bleiben, in ihrem Sinne, in dem Geiste der Wahrheit das Gute ernstlich wollen, das ist viel, aber doch noch nicht Alles. Die Erkenntnis muß den Willen leiten, aber der Wille muß auch Thaten schaffen. Was haben wir an dem Halme, der nur Blätter trägt und Blüten treibt, aber keine Früchte hervorbringt? — zuletzt nichts mehr, als das leere Stroh. „Streuet Saaten der Gerechtigkeit aus", ruft der Prophet aus, aber hütet auch den Acker, auf dem ihr gesäet habt, damit nicht Unkraut auf ihm aufschieße jätet die Dornen auf seinem Boden hinweg, damit die Saat auch gedeihe und der Ertrag und die Ernte euch nicht ausbleibe. Es gilt das Böse und Verwerfliche, das in unseren Gesinnungen und Bestrebungen hervortritt, nicht nur zu erkennen, sondern es auch zu bekämpfen und gänzlich hinwegzuschaffen. Wir dürfen da nicht von einer falschen Scham uns leiten lassen, die es nicht über sich gewinnen kann, das begangene Unrecht zuzugestehen und sich offen und entschieden von dem einmal festgehaltenen Frevel loszusagen, dürfen nicht von übertriebener Schonung und Zärtlichkeit, mit der wir uns selbst zu behandeln, pflegen, uns dazu bestimmen lassen, auf dem Wege der Verderbtheit, den wir einmal eingeschlagen haben, zu beharren damit wir nicht in den Augen der Menschen als reuige Sünder erscheinen. Wer seine Fehler zu bemänteln sucht, um nur seiner Eitelkeit nichts vergeben zu müssen, wem der Beifall der Menschen höher steht als das Wohlgefallen Gottes, von dem ist kein Heil zu erwarten. Seine Verderbtheit gestehen, sie aber auch verlassen, das ist Gesinnungsgröße, die allein der göttlichen Liebe uns würdig macht. Das Bewußtsein unserer Sündhaftigkeit muß uns ganz und lebendig vor der Seele stehen, die Losung, Für Gott oder für Asasel, sie muß in ihrer ganzen Schärfe von uns erfaßt werden. Wahrheit und Lüge, Güte und Bosheit, Recht und Gewalt, Licht und Finsternis, Geradheit und Verkehrtheit,