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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1887-10-01 · Heft 10 (1.10.1887) · p. Seite 225

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
7 (1887)
Issue
Heft 10 (1.10.1887)
Date
1887-10-01
Page
Seite 225 (sequence 9)
Language
German
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225 die schwebende, eilende, fliehende, für »ns zu gewinnen wissen, daß wenn sie uns verläßt, sie uns auch immer etwas zurü^läßt, was als ein segensvoller Ertrag unseres Daseins uns und anderen zum Heile gereicht. Dann ist sie wahrlich nicht verloren, auch wenn sie längst hinter uns entschwunden ist, wenn sie nicht uns und wir nicht ihr mehr angehören. Sie steht nicht stille und wir sollen es auch nicht, sie schreitet fort und wir sollen auch fortschreiten, sollen nicht hinter ihr Zurückbleiben, ihr vielmehr zuvorkommen, sollen mit unserer Thätigkeit nicht warten und zurückhalten, bis das Verderben, das wir durch rechtzeitiges Eingreifen hätten verhüten können, einst in Zukunft unversehens über uns hereinbricht und der verhängnißvolle Ruf „Zu spät" uns nur an die Pflichtvergessenheit erinnert, deren wir uns schuldig gemacht haben. Die Alten wissen von einem verlorenen Buche zu erzählen, „die Schriftvolle der Frommen" nennen sie das Buch, da stand ein Satz darin geschrieben, der bildete den Wahlspruch und enthielt die ganze Lebensweisheit der Männer, in deren Namen er uns überliefert ist, der lautete: „Wenn du mich einen Tag verlassest, so verlasse ich dich zwei Tage," das heißt mit anderen Worten: Jeder Stillstand ist ein Rückschritt, läßt das Bestehende verfallen und baut für die Zukunft nichts auf. Das ist ein trauriger Wahn, dem wir uns hingeben, wenn wir meinen, die Zeit werde schon das Nötige bewirken und wir brauchen nur die ruhigen, müssigen Zuschauer zu bleiben. Die Zeit schafft nichts, sie zerstört; die da etwas schaffen und vollbringen können, das sind die Menschen, die in der Zeit leben und uns allein nur haben wir zu beschuldigen und anzuklagen, wenn Jahre um Jahre vergehen und wir noch immer nichts von dem Segen merken, der uns aus ihnen hätte erwachsen und hervorreifen sollten. „An dem Felde eines trägen Mannes bin ich vorübergegangen", erzählt der weise Spruchdichter, „an dem Weinberge eines sinnlosen Menschen, siehe! da war alles von Dornen überwachsen, Unkraut bedeckte den Boden, und die Umfassungsmauer, die steinerne, die war durchbrochen und zerfallen. Das sah ich und richtete meinen Sinn darauf, merkte mir das und zog eine Lehre daraus. Ein wenig schlafen, ein wenig schlummern, ein wenig die Hände in den Schoß legen, um sich auszuruhen; wenn das so fort geht, da kömmt schon allgemach die Not, gegen die du dich so gesichert glaubst, immer mehr herangezogen und bald wirst du da zu käinpfen haben mit dem drückenden Mangel und der Entbehrung, auf die du dich nicht gefaßt gemacht hast." Das ist eine Lehre, die auch wir uns alle merken können und die wir gerne aus dsm Gotteshause mit ins Leben hinausnehmen dürfen. Wo nicht gesäet wird, da wird auch nicht geerntet und wo nichts gethan wird, da kann auch nie etwas zu Stande kommen. Es rühme sich niemand seiner Trägheit und Lässigkeit, das Nichtsthun ist nie und nimmer ein Verdienst, es sei denn an demjenigen, der an nichts Hand anlegt, das er nicht verdirbt und zu Grunde richtet. Glauben wir nur ja nicht, daß eine solche Mahnung für uns nicht an ihrer Zeit und an ihrem Orte wäre. Mag schon sein, daß sie erfolglos und nutzlos bleibt, aber unnütz und überflüssig ist sie deshalb noch bei Weitem nicht. Mehr denn je muß sie heute in nuferer Mitte ausgesprochen werden und nicht müde dürfen wir werden, sie uns zu wiederholen, insolange sie uns nicht zum Bewußtsein gekommen ist und wir immer noch fortbeharren in unserer Verstocktheit und Verkehrtheit. Wißt ihr, wo das Feld liegt, das ein fruchtbarer und ergiebiger Acker wäre, wenn es würde gehörig bepflanzt, bebaut und be-

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