Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 7 (1887)
- Issue
- Heft 10 (1.10.1887)
- Date
- 1887-10-01
- Page
- Seite 224 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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224 näher gerückt und eben der sich spreizenden Unwissenheit ein beschämendes Geständnis abgerungen. Bei der ebenso gerechten als geistreichen Behandlung gewann aber nur die eine Seite des Talmud, die Agada, der Ausdruck der an den jüdischen Institutionen gezeitigteu Subjektivität, die andere umfassendere hingegen, die Halacha, bei deren Konstruktion der subjektive Einfluß nur gering war und die daher den Gehalt des judentümlichen Bewußtseins reiner reflektirt, hat bisher noch nicht die erforderliche wissenschaftliche Behandlung gefunden. Und doch ist diese Seite der Hauptteil des Talmuds, die Halacha bildet die granitne Grundmasse, aus der hier und da wie Blumen aus Felseuritzen die Agada hervorbricht, die Halacha bildet das Knochengerüst des talmudischen Körpers, an das sich die weiche Muskulatur und der farbige Überzug der Agada anlegt — und gerade diesen Teil hat die Wissenschaft noch nicht unter ihre pflegende Obhut genommen." (Schluß folgt.) Der Aufruf zur Wal. (Für den Nenjahrs-Borabend.) Es ist in der langen Reihe der Tage, die im Laufe des zu Ende gehenden Jahres an uns vorübergegangen sind, der letzte, der heute von uns scheidet und abzieht, vor unseren Blicken entschwebt und entschwindet. Wie lange sie uns vorkam, wie weit sie sich uns hinauszudehnen schien, die Zeit, deren Maß heute voll geworden, als wir noch am Anfänge des Jahres standen und wie kurz sie heute in unseren Augen ist, nachdem es seine Bahn durchlaufen, seinen Gang beschlossen hat! Kaum glaublich, daß es damit so rasch zu Ende gekommen ist. Was ist uns heute das Jahr, das von uns scheidet? ein Schatten, der ins Dunkel hinabsteigt, an dem kein Wesen ist und kein Gehalt. Was ist nns die Vergangenheit, der es sich nun anreiht, um für die Dauer ihr zuzugehören? ein weites Grab, das alle die Zeiten, die aus dem Leben geschieden sind, in sich aufnimmt und mit ewiger Vernichtung sie bedecket. Und wenn wir da Hinausblicken in die Nacht, die sich jetzt vor uns herniedersenkt, so ist es uns, als ob sie der Totensarg wäre, der vor dem dahingeschiedenen Jahre sich öffnet, nm mit ihm in jenes Grab hinabzusinken, in das Land der Finsternis, in das Reich der Vergänglichkeit. Die Zeit eilt und drängt, sie ruht nicht und rastet nicht. Glaube ja nur Niemand, daß sie stille stehet, weil sie so stille und geräuschlos an uns vorüberfließt. Tropfenweise rinnt sie dahin, überstürzt sich in ihrem Laufe nicht, aber wenn wir einmal rückwärts schauen, da werden wir es oft zu unserem Entsetzen gewahren, wie sie mit Riesenschritten über uns hinweggegangen, wie die Stunden und Tage, auf die wir nicht achteten, so bald zu Jahren und Jahrzehnten angewachsen sind, die wir nicht wieder zurückrufen können, daß sie von Neuem ins Leben eintreten und noch einmal uns gegenwärtig seien. Wir haben nicht gar so viel Zeit zu verlieren, als daß wir so verschwenderisch mit ihr umgehen könnten, nnd uni uns nur den Genuß des Augenblicks nicht zu stören, so Alles in die Zukunft hinausschieben, der Zukunft überlassen könnten, was zu thun unsere nächste eigene Pflicht ist, unsere immerwährende und unveräußerliche Pflicht und Aufgabe im Leben- Wohl uns, wenn wir die Zeit,