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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1887-10-01 · Heft 10 (1.10.1887) · p. Seite 223

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
7 (1887)
Issue
Heft 10 (1.10.1887)
Date
1887-10-01
Page
Seite 223 (sequence 7)
Language
German
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223 machte, wenn er seine radikale Reform tadelte, wenn er auf wissenschaftlichem Gebiete mit Geigers Geschichtsanschaunng und den hypothetischen Annahmen, auf welchen dieselbe begründet war, sich nicht befreunden konnte, so hat er diese Überzeugung seiner Jugend in späteren Jahren nicht geändert; er ist überhaupt, was seine Anschauung vom Judentum betrifft, sich während der ganzen Zeit seines öffentlichen Wirkens völlig gleich geblieben, und das ist immerhin ein Vorzug. Obschon eine Wandlung der Überzeugungen nicht selten aus innern Gründen eintreten kann und so auch zu erklären und zu entschuldigen ist, so taucht doch in solchen Fällen gar leicht der Verdacht auf, daß der Wechsel mit Rücksicht auf äußeren Vorteil geschehen ist. Wenn wir das freundschaftliche Verhältnis in Betracht ziehen, in welchem Graetz zu Hirsch noch in den vierziger Jahren stand, und welches dann in der Mitte der fünfziger Jahre so jäh von Hirsch vernichtet worden ist, so könnte es scheinen, als habe Graetz später andere Seiten herausgekehrt als in seinen ersten schriftstellerischen Arbeiten. Dein ist jedoch nicht so. Graetz spricht schon damals von makabäischen Psalmen, er betrachtet den Talmud mit unbefangenem Blick, lute z. B. aus folgenden Sätzen hervorgeht, die Graetz im Jahre 1846 geschrieben hat und die an der Spitze eines in der Frankelschen Monatsschrift veröffentlichten Aufsatzes über Einleitungsschriften in den Talmud stehen: „Der Talmud! welch ein mächtiges Stichwort! welch ein Schwarm von Mißverständnissen umsummen dieses Wort! Kaum giebt es in der Geschichte ein ähnliches Schriftwerk, dessen Geschick — dem Bücher so gut wie Menschen unterliegen — so wechselvoll wäre — von der Apotheose bis zur Verdammnis zum Scheiterhaufen! Wie unsicher ist noch jetzt das Urteil über den Talmud! Die Einen scheuen ihn wie das mumificirte Mittelalter, dessen finstere Schatten das helle Sonnenlicht der Civilisation nur verdunkeln, bekreuzigen sich davor wie vor einem mitternächtig schauerlichem Gespenst und die Andern vergöttern jeden Buchstaben dieses bändereichen Buches, betrachten es als den unmittelbaren Ausfluß göttlicher Weisheit, als die ewige Quelle alles Wissens und aller Wissenschaft. — Allein wäre der Talmud auch nicht das goldene Buch, wäre er auch nur das Medium, wodurch die das menschliche Auge zu sehr blendenden Strahlen der sinaitischen Gesetzgebung, getrübt zwar und gebrochen, doch auch gemildert und beschattet, hindurchgegangen sind, wäre er auch nur der Spiegel von sechs Jahrhunderten der jüdischen Geschichte; so verdiente er auch die ganze Aufmerksamkeit wissenschaftlicher Untersuchungen, so sollte man sich doch nicht achselzuckend von ihm wegwenden, ihn vornehm ignoriren und diese Ignoranz offen zur Schau tragen. Ein geistreicher Schriftsteller nennt den Talmud das Herkulauum und Pompeji des jüdischen Altertums; und in der That, iin Talmud ist das Leben mehrerer Generationen, ihre Tugenden und Schwächen, ihre Weisheit und Beschränktheit in solcher Frische erhalten, daß er schon als Kuriosum, auch ohne sonstige Beziehung zu demselben, das Interesse des Forschers in hohem Grade erregen muß. Und wie wenig ist dieses Buch nach allen Seiten hin gekannt! Es gehört allerdings dazu die ganze Unparteilichkeit eines an der Brustächter Wissenschaft genährten Geistes, verbunden mit tiefer Eingedrungenheit in diesen dunsten aber goldhaltigen Schacht, dem vielfach verkannten, von Feind und Freund gemißdeuteten abwechselnd gekreuzigten und vergötterten Talmud jene Gerechtigkeit zu verschaffen, die ihm Jahrhunderte versagt haben. In jüngster Zeit hat es eine Meisterhand verstanden, eine Partie des talmudischen Litteraturgebietes durch geniale Darstellung zu beleuchten und hat dadurch den Talmud dem Verständnis moderner Anschauung

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