Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 7 (1887)
- Issue
- Heft 10 (1.10.1887)
- Date
- 1887-10-01
- Page
- Seite 222 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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222 daß Graetz's lebhafter Geist durch das leidenschaftliche Feuer Hirsch's eine sehr wohlthätige Anregung empfing und Graetz hat noch weit über diese Lehrjahre hinaus für Hirsch eine glühende Dankbarkeit empfunden. Die warme Begeisterung, mit der Hirsch seine Anschauungen vertrat, der schwärmerische Eifer, mit welchem er das unbedingte Recht der Tradition verfocht, war ganz danach angethan, jugendliche Gemüter z>l fesseln und anzuregen. Der Einfluß, den Hirsch auf Graetz ausübte, war Alles in Allem kein ungünstiger- Bevor Graetz zur Universität ging, verweilte er noch einige Zeit in der Provinz, welche seine engere Heimat war und hier lernte er diejenige kennen, die später als Gattin durch ihre Anmut und durch ihren edlen Sinn das Graetz'sche Haus so sehr verschönt hat und bis zum heutigen Tage verschönt, die durch ihr gastlich liebenswürdiges Wesen und ihr klares verständiges Urteil, das sie in den mildesten Worten ausspricht, Allen denen, die das Glück hatten, in ihrem Hanse zu verkehren, in freundlichster Erinnerung ist. Auch in der Schilderung des öffentlichen Lebens unseres großen Historikers darf das traute Familienleben nicht unerwähnt bleiben. Graetz's ungestüme leidenschaftliche Natur gleicht einem Bergstrom, der über jedes Hindernis hinweg zum Ziele stürzt; es war gut, daß eine edle mit aller Frauentugend geschmückte Seele frühzeitig dieses Ungestüm eindämmte; mit ihnen« zarten Takte hat sie nicht selten seinem genialen Stürmen Einhalt geboten, wie denn überhaupt das Graetz'sche Haus eine Werkstätte ist, in dem Weib und Kind sich an der wissenschaftlichen Arbeit beteiligen, wo Wort uüd Werk des Mannes einen vollen und zuweilen geklärten Wiederhall findet in der Seele der Gattin, in der Seele der Kinder. Graetz hat, seitdem er seine Lebensgefährtin kennen gelernt hatte, nie mehr einsam gearbeitet, sondern was er immer dachte und schrieb, das hcki die hochstrebende Genossin sich zu eigen gemacht. Nicht gerade daß sie blaustrümpfig gelehrt in alle Details der Forschung sich vertiefte, aber den besten und reinsten Gehalt seines Wirkens hat sie völlig begriffen und in sich ausgenommen, und Graetz hat aus dem Wort der Schrift, das dem Abraham wurde, „Alles was Sarah redet, horch auf ihre Stimme," die bestimmteste Nutzanwendung für sein eigenes Leben gezogen. Daß eine solche Frau in den Jahren des Kampfes mit tapferem Sinn, mit frischem, fröhlichem Mute ihm zur Seite gestanden hat, bedarf kaum noch weiterer Erwähnung. Von der ersten Zeit an, wo er in die wissenschaftliche Welt als Lernender eintrat, hat hohe Frauenliebe wie ein lichter Stern ihn geführt, sie war die Genossin und Beraterin bei allem, was er litterarisch plante und arbeitete. Graetz machte sich zum erstenmal öffentlich bemerkbar, als er in Breslan gegen Geiger auftrat und sowohl dessen praktisch rabbinische wie dessen wissenschaftliche Leistungen aufs Schärfste kritisirte. Das sicherste Zeugnis dafür, daß Graetz nicht in den Wind hineinsprach, sondern gleiche Gesinnung hervorrief und Eindruck machte, ist der rabiate Haß, mit dem damals alle Fortschrittsfreunde ihn in Breslau bedachten. Diese ersten schriftstellerischen Versuche des jungen Autors bekunden nicht selten eine gewisse Uugelenkigkeit des Stils, es ist nicht entfernt der leichte Fluß der Rede, die glatt und klar dahinströmt, aber es ist auch nicht die seichte oberflächliche Manier, mit vielen Worten Nichts zu sagen, es ist dem Autor erust damit Ewas zu sagen, er ringt mit dem Ausdruck, er will möglichst viel in die Worte hineindrängen, er möchte markig und kraftvoll, tief und kernig sein; er offenbart einen gediegenen historischen Sinn, er findet mit Geschick die Formel, die Strebungen großer geschichtlicher Epochen zu erklären und in inneren Zusammenhang zu bringen und wenn er Geiger zur Zielscheibe seiner Angriffe