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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1887-10-01 · Heft 10 (1.10.1887) · p. Seite 221

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
7 (1887)
Issue
Heft 10 (1.10.1887)
Date
1887-10-01
Page
Seite 221 (sequence 5)
Language
German
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221 Damals machte Samson Raphael Hirsch zuerst von sich reden und erweckte als der Anwalt des konservativen Judentums, das bisher in der Litteratur mundtot gewesen und allen Angriffen von gegnerischer Seite wehrlos gegenübergestanden, Teilnahme in weiten Kreisen des deutschen Judentums. Religiöse jüdische Jünglinge, die auf weltliche Wissenschaft nicht verzichten wollten, begeisterten sich für ihn, und das ist, so unverständlich es uns vielleicht heute erscheint, für die damalige Zeit ganz gut zu begreifen. Die alten Rabbiner, ein Gegenstand der Verehrung für die Alten wegen ihrer Frömmigkeit, ihrer Talmudkunde, ihrer Bedürfnislosigkeit und ihrer werkthätigen Liebe, konnten dennoch das Heranwachsende Geschlecht nicht fesseln; die Jugend konnte es nicht begreifen, daß Rabbiner, die doch ein langes Leben der jüdischen Wissenschaft sich gewidmet hatten, die heilige Schrift nicht verstanden, ja kaum richtig hebräisch lesen konnten; sie konnte nicht verehren, wo fort und fort eine geradezu kindische Unkenntnis des weltlichen Wissens und des praktischen Lebens die lächerlichsten und sonderbarsten Äußerungen hervorrief. Ist auch jener Rabbi von Zerkow, wie er in der Anschauung der Nachwelt fortlebt und wie wir ihn oben gezeichnet haben, vieleicht etwas Karrikatur, so weiß doch Jeder, der mit diesen Rabbinern alten Schlages verkehrt hat, eine ganze Reihe von Anekdoten, die die nahezu wunderliche Unbeholfenheit derselben illustrieren. Natürlich paßt diese Schilderung nicht auf Alle, es gab respektable Ausnahmen genug auch unter diesen Alten, aber gerade diese Bessern galten fast fiir versteckte Ketzer und hatten manche Anfechtungen zu erdulden. Die Mehrzahl verstand weder Deutsch noch Hebräisch, sprach ein iianz unmögliches Kauderwelsch, studirte den Talmud, ohne natürlich beim Mangel jeder wissenschaftlichen Schulung in seine Tiefen, in sein Wesen einzudringen, bot dem Spotte der Aufgeklärten tausend Blößen und versöhnte nur durch eine wirklich ungeheuchelte Frömmigkeit und Nächstenliebe. Hier konnte ein Graetz seine Ideale nicht finden. Aber auch die Matadore der Aufklärung, die neuen Prediger, konnten ihn nicht verlocken; man tadelte sie in vielen altjüdischen Gemeinden mit den härtesten, schimpflichsten, schroffsten Worten; diejenigen Gemeindeglieder, die sich mehr auf diese Stürmer als auf die Herolde des neuen Judentums beriefen, waren nicht geeignet, Vertrauen einzuflößen; es waren Menschen, die zum Teil offen, meistens aber versteckt, die alten jüdischen Satzungen übertraten und selbst wenn sie reich und einflußreich waren, keine Achtung genossen. Der Anhang kompromittirte die Führer. Die alten Rabbiner hatten bei der Jugend ihr Ansehen verloren, die neumodischen hatten außer in ihren engen Kreisen nach keines gewonnen. An wen sollte sich ein Jüngling halten, an wen sich wenden, der wie Graetz fromm begeistert für das alte Judentum nur durch die Unwissenheit und Formlosigkeit der alten Rabbiner abgestoßen wurde? Ein neuer Stern schien in Samson Raphael Hirsch aufgegangen; noch wußte man ja nicht, daß er an Fanatismus die Alten weit hinter sich lassen werde. So schien er dem jungen Graetz der Rabbiner, wie er sein sollte, ein moderner Mensch und ein frommer Israelit, gläubig und gebildet, weltlich und religiös; er hatte ein Banner entfaltet, um das sich viele schaarten, er hatte dem konservativen Judentum die Sprache wiedergegeben. An ihn, der damals in Oldenburg Rabbiner war, wandte sich Graetz mit der Bitte, daß er ihn aufnehme und unterweise. Die Bitte war keine vergebliche; Graetz wanderte nach Oldenburg und blieb dort mehrere Jahre, um sich fiir die Universität vorzubereiten. Es ist leicht denkbar,

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