Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 7 (1887)
- Issue
- Heft 10 (1.10.1887)
- Date
- 1887-10-01
- Page
- Seite 220 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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220 arbeiter deutscher humoristischer Blätter geworden ist. Von diesem Manne, der einen Schluß gestattet auf die geistige Atmosphäre der Zerkower Judengemeinde in Graetz's Jugendzeit, wird erzählt, daß er, als er in ein hübsch angetünchtes Zimmer trat, die Frage stellte, ob die Stube nicht in Berlin gemalt sei, daß er aus religiösen Bedenken nie in der Postkutsche Platz nahm, sondern hoch oben auf dem Platze neben dem Kutscher nach Posen hineinfuhr, daß er in seiner Zerstreutheit, als er sich von seinem Lager erhob, ganz beunruhigt war, weil er wohl alle seine Sachen, aber nicht sich selbst fand, daß er dem Eisenbahnschaffner auftrug, mit der Abfahrt des Zuges zu warten, bis er „Minchah" gebetet, daß er einmal in vollem Selbstbewußtsein die Gemeinde mit einem Bottich verglichen habe, er, der Rabbi, sei der Reif, die andern Gemeindegenossen seien die Bretter; so lange der Reif die Bretter umfasse, sei der Bottich gut, wenn aber der Reif abfalle, so platze der Bottich, so platze auch die Gemeinde, wenn er, der Rabbi, von ihr scheide. Dieser Rabbi ermöglicht einen Schluß auf die Intelligenz in Zerkow und somit auf die Nahrung, die dem frischen regen Geist unseres Graetz in seinen jungen Jahren zugeführt wurde. Die Chedergewaltigen Zerkow's hatten vom Geiste Pestalozzi's keinen Hauch verspürt. Hier galt noch jene polnische Roheit, welche, wie dem Schreiber dieser Zeilen berichtet worden ist, den Stock den „Wedibarto bom" nannte, welche es gestattete, daß der Rabbi an jedem Freitagnachmittage, um den nötigen Respekt den Schülern einzuflößen, alle Schüler der Reihe nach durchprügelte; falls aber einer der Jungen die hohe Weisheit dieser Maßregel nicht begriff, so galt die Entschuldigung: Hast du noch nichts Böses gethan, so wirst du es künftig thun. Zerkow kann auf Graetz eher stolz sein als Graetz auf Zerkow. Der Lehrer zwar, bei dem er den ersten Unterricht genoß, gewann deu jungen Knaben lieb, und dieser machte so rasche Fortschritte, daß er nach kurzer Zeit zu einem Lehrer aufstieg, der reifere Knaben unterrichtete. Dieser aber lehrte nach dem Grundsätze, daß nur der Stock die Köpfe öffne, und Graetz erlitt das Schicksal, das so oft geniale Menschen in den Erziehungsjahren von bornirten Schulmeistern erfahren; weil gerade ein intelligenter Knabe sich schwerer in eine eiserne Schulordnung fügt und findet, hält solch ein unter Kindern kindisch gewordener Schultyrann seinen fähigsten Schüler gewöhnlich für ganz dumm und unbrauchbar. Graetz erhielt durch diesen rohen Patron, in dessen Cheder er jetzt kam, in ganz Zerkow den Ruf einer geradezu exceptionellen Dummheit und wurde dementsprechend nicht eben sanft behandelt. Das verdroß den Lehrer, der ihm die Anfangsgründe beigebracht und ihn liebgewonnen hatte. Eines Tages erschien er, ein Retter in der Not, in dem Cheder seines höhern Kollegen und ohne ein Wort zu sprechen, schritt er auf den kleinen Graetz zu, nahm ihn auf seinen Arm und entführte ihn seinem bösen Zuchtmeister. Welch eine gediegene Kraft mußte in der jungen Seele wohnen, welch eiserner Fleiß und welch ernster Wille, wenn Graetz unter solchen Zuständen sich dennoch fortentwickelte und an Wissen wuchs! Die Jetzlebenden, die auf gebahnten Wegen vorwärtsschreiten, haben keine Ahnung von den ungeheueren Schwierigkeiten, welche sich dem Bildungsstreben unserer Altmeister entgegentürmten, wie diese gewissermaßen durch einen Urwald sich selbst den Weg schaffen mußten. Als Graetz eben ins Jünglingsalter getreten war, merkte er, daß er in seiner engeren Heimat, in der Provinz Posen, das Ziel seiner Sehnsucht, sich wissenschaftlich fortzubilden, nicht erreichen könne. An wen sollte er sich wenden?