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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1887-10-01 · Heft 10 (1.10.1887) · p. Seite 219

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
7 (1887)
Issue
Heft 10 (1.10.1887)
Date
1887-10-01
Page
Seite 219 (sequence 3)
Language
German
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219 und der unbefangensten Erwägung kommende Tadel einzelner in der Nation vorhandener Übelstände sogleich wie eine Lästerung empfunden wird uitb das patriotische Gemüt in zornige Wallung versetzt, statt daß dieser Tadel einfach abgewehrt oder auch beherzigt wird. Graetz ist nicht thöricht genug, um die Bedingungen zu verkennen, unter denen in der Gegenwart die Juden in den verschiedensten Ländern leben, um es nicht einzusehen, daß nur im engen Anschluß an die nationale Bildung und Sitte die bürgerliche Freiheit zu erringen und zu behanpten ist; nur hat er nicht im Entferntesten die Absicht, dem Judentum einen Selbstmord anzuraten, damit es dem einzelnen Juden bequem werde. Wie viele der besten deutschen Männer müßten aus der Reihe der Patrioten gestrichen werden, wenn es ein Schimpf und eine Schande wäre, was in Wirklichkeit ein Verdienst ist, seinem Volke in derben Worten die Wahrheit zu sagen; es ist dem Deutschen jüdischen Bekenntnisses nicht angenehm, sei es nun daß er sein religiöses oder sein nationales Bewußtsein zu Rate zieht, daß in deutschen Ländern dem Juden so übel mitgespielt worden ist daß der Haß gegen die Juden sich bald brutal und roh äußertbald in philosophischer, gelehrter staatsmännischer und religiöser Gewandung sich einführt. Der Ingrimm, mit dem Graetz diese unwürdige Gesinnung auf allen ihren Schleichwegen verfolgt, ist nur der versteckte und verschämte Ausdruck des patriotischen Schmerzes, daß gerade auf deutschem Boden ein solcher Mißbrauch der Gewalt oder gar der Gelehrsamkeit so häufig ist. Graetz liebt es, sein individuelles Empfinden ununiwunden auszusprechen; er hat seit langen Jahren die unabhängige Stellung, die es ihm ermöglicht, rücksichtslos zu sagen, was er für wahr hält; er ist keinem andern Rechenschaft schuldig als sich selbst. Diese freie Aussprache seiner Individualität, die um Stimmungen und Strebungen der jüdischen Gemeinden und des öffentlichen Lebens sich nicht kümmert, ist das Geheimnis seiner Kraft, seiner großen Wirkung; darum will er auch dem Judentum sein individuelles Gepräge bewahren, er will durch die Schilderung der geschichtlichen Größe des Judentums das Band befestigen, welches nur allzulose die Juden in der Zerstreuung zufammenhält; das heißt noch nicht, daß er utopischen nationaljüdischen Plänen nachhängt und deswegen die nationaldeutschen Pflichten der Juden gering anschlägt. All diese Momente werden noch deutlicher hervortreten, wenn wir seinen Entwicklungsgang etwas genauer uns vergegenwärtigen. Zerkow, ein entlegenes Städtchen in der Provinz Posen, ist der Ort, wo Graetz seine erste Jugend verlebt hat. Man kann nicht sagen, daß dieser Ort, daß die dort übliche Methode des Unterrichts geeignet waren, die schlummernden Keime in dem talentvollen Knaben zu wecken und zu fördern. Zerkow ist unter den Juden im deutschen Osten besonders bekannt durch einen Rabbiner, der in Folge seiner gänzlichen Unbekanntschaft mit weltlichen Sitten und Bräuchen zu den drolligsten Streichen und Reden geführt worden ist. Nur sehr begabte Talmudjünger haben durch die Kraft des eigenen Geistes die Fähigkeit erworben, die Fehler der vernachlässigten Erziehung zu verbessern und sich in der Welt zurechtzufiuden. Aber beschränkte Menschen haben wohl durch eisernen Fleiß und religiösen Eifer sich Talmudkenntnisse angeeignet, sie blieben jedoch unerfahren wie die Kinder im praktischen Leben und gaben sich dadurch die lächerlichsten Blößen. Als der Typus dieser frommen, fleißigen, indeß über die Maßen bornirten Talmudisten gilt dieser Rabbi von Zerkow, der durch seine Schrullen und Schnurren sogar ein unfreiwilliger Mit- 19*

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