Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 7 (1887)
- Issue
- Heft 10 (1.10.1887)
- Date
- 1887-10-01
- Page
- Seite 218 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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218 Sowohl die Orthodoxen wie die Radikalen sind böse mit ihm umgesprungen, haben ihre schärfsten Pfeile gegen ihn gerichtet, das hat nicht gehindert, daß Graetz's Ruhm und Ansehen bei seinen Glaubensgenossen fort und fort gewachsen ist, und heute ist Graetz einer der wenigen Israeliten, die eine wahrhaft internationale Autorität genießen, der gekannt und gefeiert ist weit über die Grenzen des deutschen Vaterlandes hinaus, ja dessen Verdienste im russischen Osten sowie in England und Frankreich und in Nordamerika eher neidlos gewürdigt werden, als in der deutschen Heimat. Hier in Deutschland giebt es Kleinigkeitskrämer, die ein Geschichtswerk von so gewaltigen Dimensionen wie das Graetz'sche sich darauf ansehen, ob nicht hin und wieder ein schiefes Gleichnis, eine sprachlich nicht ganz haltbare Wendung sich findet, die es vergessen, daß sprachliche Korrektheit allein noch keinen schriftstellerischen Ruhm begründet, daß Männer wie Gervinus und Gutzkow klassische Autoren sind, obgleich Kritiker, die nie über die Gymnasiastenweisheit hinausgekommen sind, auch ihnen eine Menge von kleinen Stilfehlern nachgewiesen haben. In der Fremde ist der Sinn freier, um den großen Wurf dieses Geschichtswerkes, die edle Leidenschaft des Vortrages, den Glanz und die Kraft der Sprache zu würdigen, durch welche die Schilderung entlegener Zeiten wie ein Gegenwärtiges uns anregt und die ganze Darstellung, ohne darum die höchste Würde, die der Wahrheit, zu verlieren, die Frische und Wärme des Lebens empfängt. Die große Schaar seiner Verehrer weiß es, daß Graetz auf einer höhern Warte steht, als auf der Zinne der Partei, daß er den redlichsten Willen hat, Personen und Einrichtungen nur danach zu beurteilen, ob sie dem Judentum zum Heile gereicht haben und gereichen, daß er Jude ist vom Scheitel bis zur Sohle und daß er jene Liebe zum Gegenstand seiner Darstellung mitbringt, ohne die es bei aller Hochachtung vor der Objektivität keinen Historiker giebt. Und wie Graetz weder ausschließlich konservativ noch ausschließlich liberal ist, so ist er auch keineswegs Nationaljude in dem landläufigen Sinne, wie man etwa von einem Nationalpolen redet. Wer ein zwölfbändiges Geschichtswerk in deutscher Sprache schreibt, wer zu diesem Behufe alle Feinheiten dieser Sprache studiert und sich zu eigen gemacht hat, der kann unseres Erachtens schon aus Egoismus kein schlechter Deutscher sein. Freilich kann es einem jüdischen Geschichtsforscher am allerwenigsten entgehen, daß die Wurzeln der jüdischen Kraft in unserer Geschichte liegen; unsere Religion ist nicht von gestern und darf auch in ihren äußeren Formen ihren Ursprung nicht verleugnen. Die Deutschen, die Hermann dem Cherusker Denkmäler aufrichten, sollten es uns am wenigsten verargen, wenn wir die stolzen Erinnerungen an unsere Vergangenheit, an unsere Helden der Thaten und der Leiden nicht aufgeben, wenn wir nicht gewaltsam das Band zerreißen, das uns mit unseren glorreichen Ahneil verknüpft. Das ist das national-jüdische Feuer, welches im Gemüte eines Graetz pulsiert und mit dem er auch sein Geschichtslverk durchdringt. Graetz fühlt sich als Genosse einer Gemeinschaft, welche die Makkabäer erzeugt hat, erträgt es auch nicht, daß wir deutschen Juden betteln, wo wir nach der vaterländischen Gesinnung, die uns beseelt, fordern dürfen, oder daß wir schachern und überlieferte Satzungen aufgeben nur um bürgerliche Rechte einzutauschen. Wo immer Juden sich zu diesem Schacher verstehen, wo immer Nichtjuden ihn anempfehlen, hat er ein scharfes Wort des Tadels. Der deutsche Patriotismus ist in letzter Zeit sehr empfindlich geworden. Es ist jedoch kein Glück für eine Nation, wenn der aus dem redlichsten Herzen