Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 7 (1887)
- Issue
- Heft 9 (1.9.1887)
- Date
- 1887-09-01
- Page
- Seite 212 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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212 Ushrlq kündigte am 8. Juli, weil er bei der Wahl am 17. Juni gegen einen liberalen Kandidaten erlegen, seinen jüdischen Mietern und Pächtern. Einer darunter, Herr Leopold Bing, wohnte in einem Hause, das sogar unter seiner Aufsicht und Leitung erbaut wurde, schon 43 Jahre. — Man schreibt uns: Die Antisemiten haben bei der Deputirten-Wahl in Ungarn eine große Niederlage erlitten, 58 Antisemiten wurden aufgestellt und 10 wurden gewählt, 7 weniger als früher; bei den Verifikationen werden kaum 8 bleiben. — Die Prehburgrr orthodoxe Gemeinde spendete für die Juden, welche in Szerdahely durch den Brand viel gelitten haben, 1000 fl. und schickte dorthin einen Wagen voll mit Kleidern und Eßwaaren. — Der in der Tis;a-Eslarer Affaire oft erwähnte Moses Lichlenberg ist im Alter von 77 Jahren gestorben, er war Grundbesitzer- — Herr Armin Freund hat bei der traurigen Katastrophe in Paks 18 Tage hindurch 135 Waisen mit Fleisch und Brod versehen. Welch ein Kidusch Haschem. — Ein gewesener Antisemit, welcher in Ungarn mehrere Jahre ein antisemitisches Blatt in sehr feindlicher Gesinnung redigerte, ist jetzt ein Philosemit in optima torwa geworden. Er bedauert, daß er so lange unter einer solchen Rotte von bhsen Menschen war und schildert jeden einzelnen seiner früheren Gesinnungsgenossen als schlechten Charakter. — In Budapest hat der Vorstand die Einrichtung getroffen, daß während man im Stillen das Schemone Essre betet, die Orgel spielt. — Nach den neuen Kriegsgesetzen sollen die Leichen jüd. Soldaten in jüd. Friedhöfen begraben werden. — Am 19. und 20 Juni tagte in Wien der Österreichisch-Ungarische Kantorentag. Den Vorsitz führte Herr Oberkantor Iingrr-Wien. Es wurden neue Statuten entworfen und einzelne die Heranbildung und Stellung der Cantoren betreffende Entschlüsse gefaßt. Auch die Frage, die Gründung einer Kantorenschule betreffend, wurde eingehend bchandelt. — Im Ministerium für Kultus und Unterricht zu Wien ist man mit den Arbeiten, die Regelung der äußeren Rechtsverhältnisse der israelitischen Kultusgemeinden betreffend, zu Ende. — Der derzeitige Rektor der Universität, k. k. Hofrat Prof. Zimmrrmann in Wien, kam am 30. Juni in seiner Vorlesung über Geschichte der Philosophie auf Solomon Maimon, den durch außerordentliches Schärfe des Denkens und haarspaltenden kritischen Blick bekannten Philosophen des vorigen Jahrhunderts, zu sprechen. Maimon, in den Einöden Lithauens geboren, in der Schule des Talmud ausgewachsen, abgeschlossen von der ganzen Welt, zu dem auch der schwächste Lichtstrahl des Wissens nicht dringen konnte, verläßt plötzlich, von einem mächtigen Begehren nach Erkenntnis getrieben, seine Vaterstadt und wunderte halb nackt nach Berlin, um bei Mendelssohn, seinem berühmten Glaubensgenossen, dessen Ruf selbst nach Lithauen gedrungen war, Belehrung und Erleuchtung zu suchen. Von Mendelssohn freundlich ausgenommen und aufs Möglichste unterstützt, arbeitete sich Maimon durch seine ungewöhnliche geistige Begabung in kürzester Zeit zu einem vielbewunderten philosophischen Schriftsteller empor. Ein ähnlicher Fall wird uns von Chamisso in dem Gedichte „Abba Grlosk Leczeka“ erzählt: Ein vom „Durste nach Wahrheit" gequälter Rabbi sucht bei Mendelssohn, „dem weitberühmten Manne", Hilfe und findet sie auch. „Dies ist ganz natürlich", fügte der Vortragende hinzu, „denn Jeder, ohne Unterschied des Glaubens und der Nationalität, konnte sicher sein, die begehrte Hilfe zu finden bei einem Manne, der würdig war, das Musterbild des Lessing'schen Nathan zu sein." Der Herr Vortragende, ein Meister der Beredsamkeit, fügt in kurzen aber eindringlichen Worten hinzu, wie notwendig es sei, darauf hinzuweisen, daß es so in der letzten Hälfte des vorigen Jahr-