Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 7 (1887)
- Issue
- Heft 9 (1.9.1887)
- Date
- 1887-09-01
- Page
- Seite 210 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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210 dessen Anklage hin, zu einer Geldbuße von 30 Mk. verurteilt. — Am 15. Juli hielt Herr Louis Cunow in Berlin einen Vortrag über die These „Der gefährlichste Feind für Kaiser und Reich ist die Entsittlichung des deutschen Volkes durch das Judentum". „Cunow" wird wohl in Zukunft auch wie „Böckel" gerichtlich als Beschimpfung aufgefaßt werden. — „Die Gesellschaft zur Beförderung des Christentums unter den Juden" in Berlin hielt ihre Jahresfeier ab. Herr Genfichen erklärte, „Hätten wir nicht die Verheißung, daß Israel nicht aufgegeben ist, so hätten wir bei den geringen Erfolgen wohl längst die Harfen an die Weiden gehängt und uns in die Winkel verkrochen." Herr Knak äußerte sich nicht so pessimistisch. — Der Judenmissionär Daab ist wegen geistiger Umnachtung ans dem Dienst getreten, seine Arbeit übernahm ein Herr Gottlieb, früher jüdischer Lehrer in Prag. — Im Jahre 1885 wurde bei der in Ansbach tagenden protestantischen Generalsynode beantragt, in das sonntägliche Kirchengebet eine Fürbitte für die Bekehrung Israels einzuschalten. Der Prinzregent hat diesem Anträge die Genehmigung nicht erteilt. — Aus der Provinz Starkenburg schreibt man uns: Es werden in dieser Gegend einige Gebräuche ausgeübt, die Manchem ganz neu und sonderbar Vorkommen. Man wird vielleicht beim Nachdenken diese Gebräuche als Aberglaube u. dgl. bezeichnen und dadurch Veranlassung nehmen über die übrigen ererbten Gebräuche, die man selber mechanisch ausübt, nachzudenken, ob sie denn einen religiösen Ursprung und überhaupt noch einen Zweck haben. Solch' ernstes Nachdenken kann schließlich dazu beitragen, daß der Gottesdienst auf dem Lande endlich eine andere Gestaltung bekomme. Es ist hierzulande Sitte, am Sabbat, beim ersten Gang der Wöchnerin ins Gotteshaus „Cholelreisch" zu feiern. Diese Feier geht in folgender Weise vor sich. Wenn der Vorbeter im Abschnitte El-Adon an dem Verse „Lemeobim Bezesom“ (Sie freuen sich bei ihrem Ausgange) hält, fängt er an zu singen, gewöhnlich eine Volksmelodie, z. B. „Magrit am Thore" oder „Wandern" u. dgl., damit er den Anwesenden rechtes Vergnügen mache und sie in Stimmung erhalte. Zur Tora wird gewöhnlich der Vater des Säuglings als Erster aufgerufen, wenn er auch nicht an der Reihe ist. Nach der Schluß-Benediction des Aufgerufenen packt der Lehrer seine noch am Freitag zubereiteten einige Dutzend „Mischeberechs" aus und fängt sie an auf Verlangen des Vaters zu verwenden. Dieses dauert eine schöne Weile. Nach dem Mittagessen versammeln sich dann die Religionsschulkinder, die mit grober Ehre eingeladen worden sind, im Zimmer, wo der Säugling ist. Da erscheint nach langem Sehnen der Lehrer mit der alten dicken „File" (die meisten Landjuden sagen statt „Tefilla" „File", Gebetbuch), denn in den Gebetbüchern jüngeren Datums sind die zu diesem Akte bestimmten Vorlagen nicht gedruckt. Der arme Säugling, der gar nicht weiß, was um ihn vorgeht, wird mitten im Zimmer in die Wiege gestellt, rund herum die Schulkinder auf der Wache, die erwachsenen Damen und Herren sitzen von der Ferne und sehen zu. Auf. einmal fängt der Lehrer an, die betreffenden Stücke aus der dicken „File" vorzulesen, die Kinder ohne die Bedeutung und den Zweck dieses Aktes zu wissen (der Lehrer weiß es gewöhnlich auch nicht), kreisten laut nach. Auf Befehl des kommandierenden Lehrers heben die Schulkinder die Wiege mit dem Säugling in die Höhe so hoch sie nur können, der Lehrer fragt mit Würde „Cholkreisch wie soll das Kind heißen?" Die Schulkinder, die den Namen vorher von den Eltern des Säuglings erfahren haben, antworten mit lauter Stimme (jedes Kind will sich am besten hören lassen, damit es mehr Guts bekomme), z. B. Rickchen oder Molchen. Der geehrte Leser kann sich das Getöse vorstellen,